📰 Umfrage verschiebt Bedrohungswahrnehmung Die European Pulse-Umfrage, erhoben im März 2026 und am 8. April 2026 veröffentlicht, zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung in Europas Bedrohungswahrnehmung: In mehreren EU-Ländern werden die USA inzwischen häufiger als Bedrohung eingestuft als China. Besonders ausgeprägt in Spanien 51 Prozent, Italien 46 Prozent, Belgien 42 Prozent und Frankreich 37 Prozent. In Deutschland sieht knapp ein Drittel die Vereinigten Staaten als Risiko, während Polen mit 13 Prozent die Ausnahme bildet. Befragt wurden 6.698 Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen und Belgien.
🕰️ Historischer Kontext und Zäsur Über Jahrzehnte galten die USA in Europa als Sicherheitsgarant und politischer Anker. Die aktuellen Zahlen markieren eine Zäsur – auch vor dem Hintergrund einer als konfrontativ wahrgenommenen US-Politik seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus. Der Eindruck, Washington verfolge zunehmend eigennützige, kurzfristige Prioritäten, belastet das traditionelle Vertrauensverhältnis. Zugleich bleibt Russland für eine große Mehrheit 70 Prozent die klare Bedrohung – Europas Sicherheitsdebatten sind damit doppelt aufgeladen: anhaltende Gefahr aus dem Osten und wachsendes Misstrauen gegenüber der bisherigen Schutzmacht im Westen.
📊 Strategische Neubewertung und Eigenständigkeit Auffällig ist die strategische Neubewertung der USA: Viele Befragte ordnen die Vereinigten Staaten nicht mehr primär als Partner, sondern als geopolitischen Wettbewerber ein; in Deutschland tun dies 32 Prozent – ein Spitzenwert unter den untersuchten Ländern. Parallel wächst der Wunsch nach Eigenständigkeit: 86 Prozent plädieren europaweit für den Ausbau eigener Verteidigungsfähigkeiten, 69 Prozent unterstützen eine gemeinsame europäische Armee.
🛡️ Bündnissolidarität und Grenzen Zugleich signalisiert die Öffentlichkeit Bereitschaft zur Bündnissolidarität: 76 Prozent würden militärische Hilfe leisten, wenn ein NATO-Partner angegriffen wird; bei einem EU-Land steigt die Zustimmung auf 81 Prozent. Die persönliche Opferbereitschaft bleibt jedoch begrenzt: Nur 19 Prozent wären im Ernstfall bereit, selbst zur Waffe zu greifen.
🇺🇦 Ukraine-Unterstützung im Streit Auch bei der Unterstützung der Ukraine zeigt sich ein gespaltenes Bild: 34 Prozent halten das europäische Engagement für zu gering, 31 Prozent für angemessen, 30 Prozent für überzogen. In Deutschland ist die Forderung nach stärkerer Unterstützung besonders ausgeprägt 45 Prozent. Diese Mischung aus strategischer Skepsis gegenüber den USA, fortbestehender Furcht vor Russland und interner Uneinigkeit über Lastenteilung erklärt die neue Nervosität in der sicherheitspolitischen Debatte Europas.
⚖️ Konsequenzen für Europas Sicherheit Die Zahlen signalisieren keinen grundsätzlichen Anti-Amerikanismus, sondern nüchternen Realismus: Europas Bürger erwarten Verlässlichkeit – von Washington und von den eigenen Regierungen. Politisch folgt daraus eine doppelte Konsequenz. Erstens muss Europa seine Verteidigungsfähigkeit beschleunigt stärken – industriell, finanziell und operativ –, um Abhängigkeiten zu reduzieren und im Ernstfall handlungsfähig zu sein. Zweitens bleibt der transatlantische Pfeiler wichtig, doch sein Gewicht verschiebt sich: Partnerschaft ja, aber ohne Illusionen. Wer langfristig Stabilität will, braucht klare Prioritäten, belastbare Fähigkeiten und eine Außenpolitik, die Sicherheit statt Stimmungen zum Maßstab erhebt. Die aktuellen Umfragedaten liefern dafür Legitimation und Auftrag.
🗨️ Kommentar der Redaktion Diese Umfrage ist ein Weckruf: Sicherheit ist Aufgabe der Staaten, nicht der Stimmungen. Europa muss jetzt handeln und seine Verteidigung zur Chefsache machen – mit Geld, Industrie und Klartext. Wer sich auf wechselhafte Signale aus Washington verlässt, handelt fahrlässig; Partnerschaft bleibt wichtig, aber nur auf Basis eigener Stärke. Abhängigkeiten sind Risiken, keine Strategie. Europas Sicherheit darf nicht weiter delegiert werden – sie muss souverän gewährleistet werden.


