📰 Palmer skizziert radikale Reform: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) hat kurz vor dem Jahreswechsel eine grundlegende Neuordnung für die Hauptstadt umrissen: Berlin solle in zwölf „echte Städte“ mit klaren Zuständigkeiten umgebaut werden. Auslöser sei ein strukturelles Verantwortungsdefizit, das in der Metropole für mangelnde Funktionsfähigkeit sorge, sagte Palmer im FUNKE-Podcast „Meine schwerste Entscheidung“. Die Aussagen datieren vom 30. Dezember 2025.
🧭 Motivation und Diagnose: Palmer attestiert Berlin ein fehlendes Durchgriffs- und Zuständigkeitsgefüge. Das Verschränken von Staat und Stadt sei misslungen; Bürger müssten sich „durchwursteln“, weil Verantwortlichkeiten verwischt seien. Das Ergebnis sei eine Großverwaltung, die im Alltag zu oft nicht zuverlässig funktioniere.
🏙️ Zwölf „echte Städte“ statt Bezirke: Gefragt, ob er Berlin zerschlagen wolle, ließ Palmer erkennen, dass er diese Richtung befürwortet. Alternativ skizziert er ein Bundesland mit zwölf vollwertigen Städten – „echte Städte, nicht Bezirke“. Ziel wäre eine eindeutige Zuordnung von Aufgaben und Verantwortung.
- Zerschlagung der bisherigen Struktur in zwölf eigenständige Städte
- Alternativ: Umwandlung Berlins in ein Bundesland mit zwölf vollwertigen Städten
🧩 Gegenmodell Tübingen: Als Gegenentwurf nennt Palmer seine Heimatstadt Tübingen: eine „vollständig selbst handelnde Gemeinde“ mit klarer Verantwortungszuordnung. Sein Rezept: Entscheidungs- und Verantwortungsebenen deckungsgleich machen – „das Erfolgsmodell süddeutscher Städte“.
🕰️ Tonlage und Kontext: Palmer ist für pointierte Kritik an Berlin bekannt. Bereits 2018 hatte er die Hauptstadt als dysfunktional beschrieben und sinngemäß erklärt, beim Ankommen in Berlin verlasse man „den funktionierenden Teil Deutschlands“. Im aktuellen Gespräch relativierte er den Ton teilweise und verwies auf das Bahnchaos rund um Stuttgart 21, das auch im Süden Maßstäbe der Pünktlichkeit sinken ließ; „arrogante Kommentare“ aus dem Süden seien daher nicht mehr angebracht. Zugleich betont er die Stärken süddeutscher Städte: kommunale Nähe, Verantwortlichkeit und Disziplin.
🎙️ Podcast-Hinweis: Die vollständige Folge des Gesprächs soll laut FUNKE-Hinweis ab Donnerstag, 1. Januar, auf gängigen Plattformen verfügbar sein.
⚖️ Einordnung und Tragweite: Palmers Vorschlag rüttelt an einem zentralen Nerv der Hauptstadtpolitik: der Effizienz staatlicher Strukturen. Aus konservativer Sicht ist sein Plädoyer für klare Verantwortlichkeiten und kommunale Eigenständigkeit konsequent – gerade dort, wo komplexe Großverwaltung auf Alltagsprobleme trifft. Politisch und rechtlich wäre eine solche Neuordnung allerdings ein Mammutprojekt, das nur mit breitem Konsens und Augenmaß zu stemmen wäre. Gleichwohl setzt die Intervention ein Signal: Berlin muss seine Funktionsfähigkeit sichtbar und spürbar verbessern – ob durch straffere Zuständigkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung oder durch eine tiefgreifende Reform.
🗨️ Kommentar der Redaktion: Palmers Diagnose ist hart, aber überfällig: Ohne klare Zuständigkeiten verliert staatliche Ordnung an Schlagkraft. Wer Verantwortung will, muss sie zuordnen, messen und durchsetzen – gerade in einer Hauptstadt, die zu lange im unübersichtlichen Zwischenraum von Staat und Stadt verharrt. Die Gliederung in zwölf echte Städte ist unbequem, trifft jedoch den Kern des Problems. Reformvermeidung ist teurer als Reform: Bürger bezahlen täglich mit Zeitverlust und Vertrauensverlust. Nötig sind klare Schnitte, Disziplin und der Wille, das Nützliche vor das Bequeme zu stellen.


