Görlitz. So ruhig war es im Görlitzer Bahnhof lange nicht. Wo sonst Regionalzüge nach Dresden, Zittau, Hoyerswerda oder Cottbus rollen, standen am Montag die Signale auf Rot. Die Bahnsteighalle wirkte fast verlassen. Statt einfahrender Züge waren vor allem Tauben, vereinzelte Reisende und Bauarbeiter zu hören. Für viele Fahrgäste bedeutete das: umsteigen in den Bus, warten, längere Fahrzeiten einplanen.
Grund für die massive Einschränkung waren Bauarbeiten im Bereich des Bahnhofs Görlitz und auf dem Abschnitt zwischen Görlitz und der polnischen Grenze. Die Deutsche Bahn hatte bereits angekündigt, dass vom 28. Juni 2026, 22 Uhr, bis 30. Juni 2026, 4 Uhr kein Zugverkehr möglich ist. Betroffen war damit der gesamte Montag, 29. Juni. Während der Sperrung wurde der Zugverkehr nach Görlitz sowie über die polnische Grenze durch Busse des Schienenersatzverkehrs ersetzt.
Für Reisende wurde der Weg dadurch deutlich mühsamer. Wer Richtung Dresden, Bischofswerda, Hoyerswerda, Zittau oder Cottbus wollte, musste sich auf Ersatzverbindungen einstellen. Radio Lausitz berichtete von einem ungewöhnlich leeren Görlitzer Bahnhof und langen Fahrzeiten im Bus: Bis Bischofswerda dauerte die Fahrt demnach fast eine Stunde und drei Viertel, bis Hoyerswerda rund eine Stunde und zwanzig Minuten.
Warum in Görlitz gebaut wird
Die Einschränkungen hängen mit dem Ausbau und der Elektrifizierung der Strecke zwischen Görlitz und der polnischen Grenze zusammen. Nach Angaben der Deutschen Bahn hat die DB InfraGO wichtige Bauleistungen vergeben. Damit beginnt die nächste Bauphase auf dem grenzüberschreitenden Abschnitt. Ziel ist es, den Bahnverkehr zwischen Deutschland und Polen langfristig leistungsfähiger zu machen.
Konkret geht es unter anderem um Arbeiten am elektronischen Stellwerk Görlitz. Dafür werden zentrale Voraussetzungen für weitere Ausbauarbeiten geschaffen. Die Bahn nennt unter anderem die Erneuerung der Stromversorgung des Stellwerks sowie Arbeiten an Gleisen und Weichen.
Langfristig soll der Bahnhof Görlitz besser an den grenzüberschreitenden Verkehr angebunden werden. Mit dem Abschluss der Arbeiten sollen die Bahnsteige 3 und 4 wieder in Betrieb gehen und der Zugverkehr über die Grenze aufgenommen werden. Für die Europastadt Görlitz/Zgorzelec ist das ein wichtiger Schritt – kurzfristig aber bedeutet es vor allem: Sperrungen, Ersatzbusse und Geduld.
Nicht die letzte Einschränkung
Die aktuelle Sperrung war nicht die erste im Juni. Bereits am 16./17. Juni und am 22./23. Juni 2026 war zeitweise kein Zugverkehr möglich. Auch diese Sperrungen standen im Zusammenhang mit den Arbeiten im Bahnhof Görlitz und an der Strecke zur polnischen Grenze.
Und auch in den kommenden Monaten müssen sich Bahnreisende in der Region auf weitere Einschränkungen einstellen. Die Deutsche Bahn kündigt an, dass im Juli Arbeiten zur Gründung und Aufstellung von Oberleitungsmasten sowie Abbrucharbeiten im Bereich der Bahnsteige 3 und 4 beginnen. Ab Herbst 2026 soll der Zugang zu den Bahnsteigen wegen Brückenbauarbeiten für mehrere Monate nur über den südlichen Bahnhofseingang an der Sattigstraße möglich sein.
Parallel läuft die Sanierung der historischen Bahnsteighalle weiter. Die Arbeiten an der Halle laufen bereits seit September 2025. Aktuell ist die Südseite betroffen, im Juli soll auch das Dach des südlichen Hallenschiffes eingehaust werden. Dafür müssen ab dem 13. Juli 2026 Gleis 11 und der zugehörige Bahnsteig gesperrt werden.
Görlitz braucht bessere Bahn – aber Reisende zahlen den Preis
Für die Region ist der Ausbau grundsätzlich eine gute Nachricht. Görlitz braucht moderne Bahnverbindungen, bessere Anschlüsse und eine stärkere Verbindung nach Polen. Gerade für Pendler, Touristen, Schüler, Studenten und ältere Menschen ist die Bahn eine wichtige Lebensader.
Doch der Alltag sieht anders aus: Wer an einem solchen Tag reisen muss, steht nicht vor Zukunftsvisionen, sondern vor Ersatzbussen. Statt schneller Verbindung gibt es Umwege, längere Fahrzeiten und Unsicherheit. Besonders schwierig ist das für Menschen mit Gepäck, Kinderwagen, Rollstuhl oder Fahrrad. Bei Ersatzverkehren weisen Verkehrsunternehmen regelmäßig darauf hin, dass Rollstühle und Kinderwagen Vorrang haben und Fahrräder nur eingeschränkt oder gar nicht mitgenommen werden können.
Auch die Verbindung Görlitz–Zittau bleibt ein Sorgenkind. Die ODEG hatte bereits mitgeteilt, dass zwischen März und Ende September 2026 auf der Linie RB65 im Abschnitt Görlitz–Zittau wiederholt alle Züge für jeweils zwei Wochen ausfallen und durch Busse ersetzt werden. Grund sind Bauarbeiten an zwei Neiße-Grenzbrücken durch den polnischen Infrastrukturbetreiber.
Kommentar
Der leere Bahnhof Görlitz ist ein starkes Bild. Eine große Bahnsteighalle, rote Signale, kaum Durchsagen, kaum Reisende – und draußen warten Busse. Es zeigt, wie verletzlich die Bahnanbindung der Oberlausitz ist.
Natürlich muss gebaut werden. Niemand kann ernsthaft gegen Elektrifizierung, moderne Stellwerke und bessere Verbindungen nach Polen sein. Görlitz braucht genau diese Investitionen. Die Region darf nicht dauerhaft am Rand des Bahnnetzes hängen bleiben.
Aber die Wahrheit ist auch: Für Reisende fühlt sich Zukunft oft erst einmal wie Rückschritt an. Wer statt Zug im Ersatzbus sitzt, wer für normale Strecken plötzlich deutlich länger braucht, wer Anschlüsse verpasst oder bei Hitze in vollen Bussen wartet, der erlebt keine Verkehrswende, sondern Belastung.
Die Bahn muss deshalb besser erklären, besser informieren und verlässlicher organisieren. Modernisierung ist wichtig. Aber sie darf nicht bedeuten, dass ganze Regionen gefühlt abgehängt werden. Görlitz braucht nicht nur Baustellen für die Zukunft – Görlitz braucht auch heute funktionierende Mobilität.


