Dresden/Zittau. Sachsen will den massiven Unterrichtsausfall an den Schulen mit einer Änderung der Lehramtsprüfungsordnung bekämpfen. Kultusminister Conrad Clemens (CDU) kündigte kurz vor Ferienbeginn in Dresden mehrere Maßnahmen an. Der Unterrichtsausfall liegt nach seinen Angaben aktuell bei etwa neun Prozent – und damit weiterhin auf einem Niveau, das für Schüler, Eltern und Schulen kaum hinnehmbar ist.
Kern der Reform: Lehramtsstudenten sollen künftig ganzjährige Praktika an Schulen absolvieren können. Damit könnten angehende Lehrer früher und länger direkt im Schulalltag eingesetzt werden. Das soll nicht nur praktische Erfahrung bringen, sondern auch kurzfristig zusätzliche Unterstützung in die Schulen bringen.
Referendare sollen mehr Stunden unterrichten
Besonders spürbar wird die Änderung für Referendarinnen und Referendare. Sie sollen künftig nicht mehr 12, sondern 14 Wochenstunden im Unterricht eingesetzt werden. Das Kultusministerium verspricht sich davon eine zusätzliche Kapazität von rund 150.000 Unterrichtsstunden. Die Regelung soll bereits ab dem kommenden Schuljahr greifen.
Für Schulen klingt das zunächst nach Entlastung. Für angehende Lehrkräfte bedeutet es aber auch: mehr Verantwortung, mehr Belastung und weniger Zeit für Ausbildung, Vorbereitung und Reflexion. Genau hier dürfte die Debatte beginnen. Denn Referendare sind keine fertigen Vollzeitlehrer, sondern befinden sich noch in der zweiten Ausbildungsphase.
Einfachlehrkräfte sollen besser bezahlt werden
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft sogenannte Einfachlehrkräfte. Gemeint sind Lehrerinnen und Lehrer, die nur ein Fach unterrichten. Bislang konnten sie in Sachsen in bestimmten Fällen nicht die Gehaltsstufe E 13 erreichen. Das soll sich ändern.
Davon könnten zum Beispiel Musik- oder Kunstlehrer profitieren. Wer ein Fach studiert hat und an Schulen in diesem Fach eingesetzt wird, soll künftig bessere Chancen auf eine höhere Eingruppierung bekommen. Gerade in Mangelfächern kann das helfen, qualifizierte Lehrkräfte zu halten und neue Bewerber zu gewinnen.
Auch Seiteneinsteiger sollen besser anerkannt werden. Wer ursprünglich etwa Mathematik unterrichtete, wegen Lehrermangels aber zusätzlich Physikstunden übernimmt, soll über ein Feststellungsverfahren als Doppelfachlehrer anerkannt werden können. Damit könnten auch diese Lehrkräfte höher eingruppiert werden.
Deutsch als Zweitsprache und Sonderpädagogik werden wichtiger
Sachsen will außerdem Deutsch als Zweitsprache als Ausbildungsfach etablieren. Das ist ein klares Signal an Schulen, die immer stärker mit sprachlicher Vielfalt umgehen müssen. Gerade in Städten und Regionen mit vielen zugewanderten Familien ist dieser Bereich längst keine Zusatzaufgabe mehr, sondern Schulalltag.
Besonders im Fokus steht zudem die Sonderpädagogik. Hier ist der Bedarf groß. Bislang werden Sonderpädagogen vor allem an der Universität Leipzig und in kleinerem Umfang auch an der Hochschule Zittau/Görlitz ausgebildet. Kultusminister Clemens bezeichnete das als „viel zu wenig“. Künftig sollen auch die Universitäten Dresden und Chemnitz entsprechende Kapazitäten aufbauen.
Hochschule Zittau/Görlitz spielt bereits eine wichtige Rolle
Für die Oberlausitz ist dieser Punkt besonders interessant. Die Hochschule Zittau/Görlitz ist bereits Teil eines neuen Studienangebots für das Lehramt an Oberschulen mit Sonderpädagogik. Der Studiengang wird gemeinsam mit der Universität Leipzig angeboten und soll gezielt dazu beitragen, mehr Lehrkräfte für Ostsachsen zu gewinnen.
Das ist für die Region wichtig. Gerade in ländlichen Räumen, an Oberschulen und Förderschulen ist der Lehrermangel oft besonders spürbar. Wenn junge Menschen ihre Ausbildung direkt in Ostsachsen absolvieren, steigt die Chance, dass sie später auch in der Region bleiben. Für Zittau, Görlitz, Löbau, Bautzen und die umliegenden Gemeinden kann das langfristig entscheidend sein.
Der Unterrichtsausfall bleibt Sachsens größtes Schulproblem
Der Freistaat kämpft seit Jahren mit zu wenigen Lehrkräften. Bereits 2025 hatte das Kultusministerium ein Maßnahmenpaket vorgestellt, mit dem der Unterrichtsausfall langfristig gesenkt werden soll. Dazu gehörten unter anderem Neueinstellungen, Abordnungen, weniger Bürokratie und eine stärkere Nutzung digitaler Formate.
Trotzdem bleibt die Lage angespannt. Wenn fast jede zehnte Unterrichtsstunde ausfällt, ist das mehr als ein organisatorisches Problem. Es bedeutet Lernlücken, Belastung für Familien, Druck auf Schulleitungen und Frust bei Lehrkräften. Besonders hart trifft es Schüler, die ohnehin Unterstützung brauchen.
Was bedeutet das für Eltern und Schüler?
Kurzfristig könnte die Reform tatsächlich etwas Entlastung bringen. Mehr Stunden durch Referendare, längere Praktika und besser nutzbare Seiteneinsteiger können helfen, Löcher im Stundenplan zu stopfen. Doch die entscheidende Frage bleibt: Ist das eine echte Lösung oder nur ein Notprogramm?
Denn mehr Unterrichtsstunden allein lösen nicht automatisch das Problem. Schulen brauchen gut ausgebildete, stabile Kollegien. Sie brauchen Lehrer, die bleiben. Und sie brauchen Rahmenbedingungen, die den Beruf wieder attraktiver machen.
Kommentar
Sachsen greift zu einem verständlichen Mittel: Wer zu wenige Lehrer hat, versucht vorhandene Kräfte stärker einzusetzen. Referendare unterrichten mehr, Studenten kommen länger in die Schulen, Seiteneinsteiger werden breiter anerkannt. Das kann kurzfristig helfen.
Aber es zeigt auch, wie ernst die Lage ist. Wenn Nachwuchslehrer schon in der Ausbildung stärker zur Entlastung des Systems herangezogen werden müssen, ist das kein Zeichen von Stärke, sondern ein Warnsignal.
Für die Oberlausitz ist besonders wichtig, dass die Hochschule Zittau/Görlitz in der Lehrkräftebildung weiter gestärkt wird. Wer Lehrer für Ostsachsen gewinnen will, muss sie auch hier ausbilden. Junge Menschen, die in Zittau oder Görlitz studieren, bauen Kontakte zur Region auf, absolvieren Praktika an hiesigen Schulen und bleiben später eher vor Ort.
Der Freistaat darf die Reform deshalb nicht nur als Stundenrechnung betrachten. 150.000 zusätzliche Unterrichtsstunden klingen gut. Entscheidend ist aber, ob daraus bessere Bildung, weniger Ausfall und langfristig mehr Lehrer für Sachsen entstehen.
Wenn diese Reform nur Lücken stopft, ist sie zu wenig. Wenn sie aber Lehrerausbildung, Bezahlung und regionale Bindung verbessert, kann sie ein Schritt in die richtige Richtung sein.


