Industriegebiet am Kraftwerk Boxberg: Entsteht hier der neue Arbeitsplatzmotor der Oberlausitz?

Am Kraftwerk Boxberg soll ein mindestens 50 Hektar großes Industriegebiet von nationaler Bedeutung entstehen. Politiker, Kommunen und Wirtschaftsvertreter verbinden damit die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze nach dem Kohleausstieg. Doch bislang fehlen konkrete Investoren, eine abschließend festgelegte Fläche und ein verbindlicher Zeitplan.

Boxberg.

Seit Jahrzehnten prägen Kraftwerk, Tagebaue und Energiewirtschaft den Norden des Landkreises Görlitz. Tausende Arbeitsplätze und ein erheblicher Teil der regionalen Wertschöpfung hängen direkt oder indirekt an der Braunkohle.

Doch spätestens 2038 soll die Kohleverstromung in Deutschland beendet werden. In Boxberg werden nach dem bisherigen Ausstiegsplan bereits 2029 zwei Kraftwerksblöcke mit jeweils 500 Megawatt vom Netz genommen. Danach sollen zunächst noch die jüngeren Blöcke Q und R weiterbetrieben werden.

Damit wächst der Druck auf Politik und Wirtschaft: Was kommt nach der Kohle?

Eine mögliche Antwort soll ein neues, großflächiges Industriegebiet am Kraftwerksstandort Boxberg liefern.

Mindestens 50 Hektar für neue Industrie

Die CDU im Landkreis Görlitz fordert die Entwicklung eines Industriegebietes von nationaler Bedeutung im Norden des Kreises. Die geplante Fläche soll mindestens 50 Hektar umfassen und sowohl bestehenden Unternehmen Erweiterungsmöglichkeiten als auch neuen Betrieben Platz für Ansiedlungen bieten.

Mitte Juni 2026 fand die Idee auch im Görlitzer Kreistag eine Mehrheit. Allerdings ist bislang nicht abschließend geklärt, wo genau das Industriegebiet entstehen soll. Mehrere Kommunen und Standorte im nördlichen Landkreis könnten grundsätzlich infrage kommen. Boxberg gilt wegen des Kraftwerks, der vorhandenen Energieinfrastruktur und verfügbarer Gewerbeflächen jedoch als besonders aussichtsreich.

Am 11. Juli wurde erneut über ein Industriegebiet unmittelbar am Kraftwerk Boxberg berichtet. Damit scheint sich der Kraftwerksstandort zunehmend als bevorzugte Variante herauszukristallisieren. Eine endgültige Standortentscheidung ist daraus bislang jedoch nicht abzuleiten.

Kraftwerk bietet bereits wichtige Infrastruktur

Ein entscheidender Vorteil von Boxberg ist die vorhandene industrielle Infrastruktur.

Nach Angaben der Gemeinde umfasst der gesamte Industriestandort rund um das Kraftwerk etwa 326,5 Hektar. Davon entfallen rund 18 Hektar auf das Industriegebiet West und rund 15 Hektar auf das Industriegebiet Süd. Den größten Teil des Areals nimmt derzeit das Kraftwerk selbst ein.

Die LEAG bietet aktuell rund 13,6 Hektar verfügbare Fläche im Industriegebiet West und rund 16,7 Hektar im Industriegebiet Süd an. Vor Ort bestehen Anschlüsse beziehungsweise Versorgungsmöglichkeiten für Strom, Dampf, Fernwärme, Gas, Trinkwasser, Abwasser, Telekommunikation und Bahnverkehr.

Gerade für energieintensive Unternehmen kann diese Infrastruktur ein entscheidendes Argument sein. An anderen Standorten müssten Leitungen, Umspannwerke, Zufahrten oder Bahnanschlüsse zunächst mit hohem Aufwand neu gebaut werden.

In Boxberg sind viele dieser Voraussetzungen bereits vorhanden oder könnten auf bestehenden Strukturen weiterentwickelt werden.

Nach der Kohle soll Boxberg Industriestandort bleiben

Das politische Ziel ist klar: Der Norden des Landkreises Görlitz soll auch nach dem Ende der Braunkohleverstromung eine Industrie- und Energieregion bleiben.

Der CDU-Kreisverband begründet das Vorhaben damit, dass ohne ausreichend große Industrieflächen im Wettbewerb um Investitionen kaum eine Chance bestehe. Das geplante Gebiet soll deshalb nicht nur regionale, sondern nationale Bedeutung erhalten.

Gedacht wird offenbar nicht an ein gewöhnliches Gewerbegebiet für kleinere Handwerks- oder Dienstleistungsbetriebe. Angesprochen werden sollen größere Produktionsunternehmen, Energieunternehmen, Zulieferer, Logistikbetriebe und industrielle Forschungseinrichtungen.

Zugleich soll der Standort mit der LEAG, der Dresdner Halbleiterindustrie sowie Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen in der Oberlausitz verknüpft werden.

Verbindung zur Dresdner Chipindustrie

Besondere Hoffnungen richten sich auf die wachsende Halbleiterindustrie im Raum Dresden.

Dort entstehen neue Werke und Erweiterungen internationaler Chiphersteller. Solche Großprojekte benötigen zahlreiche Zulieferer, Logistikunternehmen, technische Dienstleister sowie Hersteller von Chemikalien, Anlagen und Bauteilen.

Boxberg könnte versuchen, einen Teil dieser Wertschöpfung in die Oberlausitz zu holen. Dabei geht es wahrscheinlich weniger um eine weitere große Chipfabrik als um Zulieferer und energieintensive Produktionsschritte.

Die Entfernung nach Dresden bleibt jedoch eine Herausforderung. Deshalb soll das geplante Industriegebiet leistungsfähig an die Autobahnen A4 und A15 sowie an eine schnellere Bahnverbindung von Görlitz über Weißwasser nach Berlin angeschlossen werden.

Gerade die Verkehrsanbindung wird darüber entscheiden, ob Boxberg für große Unternehmen tatsächlich attraktiv ist.

Autobahnanbindung bleibt Schwachpunkt

Boxberg liegt nicht unmittelbar an einer Autobahn. Über die Bundesstraße 156 ist die A4 in Richtung Bautzen erreichbar. Für größere industrielle Ansiedlungen und starken Güterverkehr könnte diese Verbindung jedoch auf Dauer nicht ausreichen.

Die politischen Forderungen sehen deshalb eine leistungsfähige Anbindung sowohl an die A4 als auch an die A15 vor. Wie diese konkret aussehen, wie viel sie kosten und wann sie gebaut werden könnte, ist bislang offen.

Ein Industriegebiet mit mindestens 50 Hektar kann täglich Hunderte Lastwagenbewegungen verursachen. Ohne geeignete Straßen würden umliegende Orte erheblich belastet.

Deshalb müsste bereits während der Planung geklärt werden:

  • Welche Bundes- und Staatsstraßen müssten ausgebaut werden?
  • Braucht Boxberg eine neue Umgehungsstraße?
  • Wie kann der Güterverkehr stärker auf die Schiene verlagert werden?
  • Welche Dörfer wären durch zusätzlichen Verkehr betroffen?
  • Wer finanziert die notwendigen Verkehrsprojekte?

Ohne überzeugende Antworten könnte die Verkehrsanbindung zum größten Hindernis werden.

Bahnanschluss als wichtiger Standortvorteil

Der Kraftwerksstandort verfügt grundsätzlich über einen Bahnanschluss. Das ist für Industrieunternehmen, die große Mengen an Rohstoffen oder fertigen Produkten transportieren, ein erheblicher Vorteil.

Allerdings müsste geprüft werden, in welchem Zustand die vorhandenen Gleise sind und ob sie nach dem Ende des regulären Kraftwerksbetriebs weiterhin in vollem Umfang genutzt werden können.

Auch die Einbindung in das überregionale Schienennetz ist entscheidend. Ein Industriegebiet von nationaler Bedeutung benötigt verlässliche Güterverkehrsverbindungen nach Dresden, Berlin, Polen und Tschechien.

Die Nähe zur deutsch-polnischen Grenze könnte Boxberg dabei einen Vorteil verschaffen. Gleichzeitig entstehen dadurch Chancen für grenzüberschreitende Lieferketten und gemeinsame Industrieprojekte.

Noch keine konkreten Großinvestoren bekannt

So groß die Pläne sind, so deutlich müssen auch die offenen Fragen benannt werden.

Bislang sind keine verbindlichen Zusagen großer Unternehmen öffentlich bekannt, die sich auf der geplanten Fläche ansiedeln wollen. Die Politik schafft zunächst die Idee und versucht, die notwendigen Voraussetzungen zu organisieren.

Das ist bei großen Industrieprojekten nicht ungewöhnlich. Investoren erwarten häufig vollständig erschlossene und planungsrechtlich vorbereitete Flächen, bevor sie konkrete Entscheidungen treffen.

Trotzdem besteht die Gefahr, dass hohe Summen in Straßen, Leitungen und Planungen fließen, ohne dass anschließend genügend Unternehmen kommen.

Das Projekt darf deshalb nicht allein mit allgemeinen Begriffen wie „Strukturwandel“, „Zukunft“ oder „nationale Bedeutung“ begründet werden. Entscheidend sind konkrete Branchen, belastbare Marktanalysen und tatsächliche Gespräche mit potenziellen Investoren.

Wie viele Arbeitsplätze könnten entstehen?

Eine konkrete Zahl neuer Arbeitsplätze wurde bislang nicht verlässlich genannt.

Bei einer Fläche von mindestens 50 Hektar könnte das Potenzial erheblich sein. Die tatsächliche Beschäftigungswirkung hängt jedoch stark davon ab, welche Unternehmen sich ansiedeln.

Ein Logistikzentrum benötigt große Flächen, schafft aber häufig weniger Arbeitsplätze als ein produzierendes Werk. Hochautomatisierte Batterie-, Energie- oder Halbleiterunternehmen können hohe Investitionen tätigen, ohne Tausende Menschen zu beschäftigen.

Deshalb sollte die Region nicht allein auf die Größe der Investition schauen. Entscheidend ist, ob gut bezahlte, dauerhafte Arbeitsplätze entstehen und regionale Unternehmen in die Lieferketten eingebunden werden.

Ein neues Industriegebiet kann den Verlust sämtlicher Arbeitsplätze aus Kraftwerk, Tagebau und Zulieferbetrieben nicht automatisch ausgleichen.

Forschungszentrum für Carbonfasern als erster Baustein

Am Kraftwerksstandort entsteht bereits das Forschungsprojekt CarbonLabFactory Lausitz. Dort sollen nachhaltigere Carbonfasern entwickelt werden. Bund und Land unterstützen das Vorhaben nach Angaben des Freistaates mit 62,3 Millionen Euro.

Das Projekt zeigt, in welche Richtung sich Boxberg entwickeln könnte: weg von der ausschließlichen Energieerzeugung aus Braunkohle und hin zu Forschung, neuen Werkstoffen und moderner Industrie.

Allerdings schafft ein Forschungszentrum allein noch keinen neuen industriellen Schwerpunkt. Der Erfolg wird daran gemessen werden müssen, ob aus Forschung später Produktion, Unternehmensgründungen und dauerhafte Arbeitsplätze entstehen.

Das neue Industriegebiet könnte dafür Flächen bieten.

Wasserstoffpläne vorerst ausgebremst

Lange Zeit galt grüner Wasserstoff als eine mögliche Zukunft für den Kraftwerksstandort. Die LEAG hatte Überlegungen für ein Wasserstoffkraftwerk in Boxberg verfolgt.

Diese Pläne wurden jedoch zunächst zurückgestellt. Der Konzern setzt bei der Umgestaltung seiner Standorte derzeit stärker auf Großbatteriespeicher, Photovoltaik und Windenergie.

Das zeigt, wie schnell sich wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen verändern können. Was heute als Zukunftstechnologie gilt, kann wenige Jahre später wegen hoher Kosten oder fehlender Förderbedingungen erneut infrage stehen.

Ein neues Industriegebiet sollte deshalb nicht ausschließlich auf eine einzelne Technologie ausgerichtet werden.

Großbatterien, Solarenergie und Windkraft

Der Kraftwerksstandort könnte künftig eine Kombination aus Industrie und Energieerzeugung bieten.

Große Batteriespeicher könnten Strom aus erneuerbaren Energien aufnehmen und später wieder in das Netz einspeisen. Photovoltaikanlagen und Windkraftanlagen könnten einen Teil der Energie für neue Betriebe liefern.

Für Unternehmen wäre eine sichere und möglichst günstige Energieversorgung ein starkes Standortargument. Gerade energieintensive Industrien achten inzwischen nicht nur auf den Preis, sondern auch darauf, ob Strom bilanziell klimafreundlich erzeugt wird.

Boxberg könnte deshalb versuchen, sich als moderner Energie- und Industriestandort zu positionieren.

Doch auch hier gilt: Eine Ankündigung ersetzt keine fertigen Anlagen und keine langfristig garantierten Energiepreise.

Wer soll das Industriegebiet entwickeln?

Die beteiligten Gemeinden sehen das Vorhaben offenbar als interkommunales Projekt. Landrat Stephan Meyer betonte, dass die Planungshoheit bei den Kommunen bleiben müsse. Gleichzeitig fühlen sich die einzelnen Reviergemeinden mit einem Projekt dieser Größenordnung allein überfordert.

Diskutiert wird deshalb eine gemeinsame Organisationsform, beispielsweise ein Zweckverband. Mehrere Gemeinden könnten damit Flächen, Planung, Fördermittel und spätere Steuereinnahmen gemeinsam organisieren.

Ein solcher Zusammenschluss wäre sinnvoll, könnte aber auch Konflikte auslösen:

  • Welche Kommune stellt die Flächen bereit?
  • Wer übernimmt finanzielle Risiken?
  • Wie werden Gewerbesteuereinnahmen verteilt?
  • Wer entscheidet über Investoren?
  • Welche Gemeinde trägt Verkehrs- und Umweltbelastungen?

Diese Fragen müssen frühzeitig und transparent geklärt werden.

Umwelt und Flächenverbrauch beachten

Ein mindestens 50 Hektar großes Industriegebiet bedeutet einen erheblichen Eingriff in Landschaft und Natur.

Sollte das Gebiet überwiegend auf bereits industriell genutzten Kraftwerksflächen entstehen, wäre das grundsätzlich besser als die Versiegelung bislang unbebauter Landschaft.

Noch ist jedoch nicht klar, welche Flächen tatsächlich einbezogen werden sollen. Auch ehemalige Kraftwerksflächen können durch Altlasten belastet sein und eine aufwendige Sanierung erfordern.

Zudem liegt die Gemeinde Boxberg in einer sensiblen Landschaft aus Heide, Teichen, Bergbauflächen und sorbisch geprägten Dörfern. Planung und Genehmigung müssen deshalb Umwelt-, Wasser- und Naturschutz ebenso berücksichtigen wie die Interessen der Anwohner.

Ein beschleunigtes Verfahren darf nicht bedeuten, dass berechtigte Einwände ignoriert werden.

Strukturwandel braucht mehr als Fördergeld

Die Lausitz erhält Milliardenhilfen für den Strukturwandel. Doch Geld allein schafft noch keine dauerhaft erfolgreichen Unternehmen.

Ein Industriegebiet kann nur funktionieren, wenn mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sind:

  • vollständig erschlossene Flächen,
  • schnelle Genehmigungsverfahren,
  • bezahlbare Energie,
  • gute Straßen- und Bahnverbindungen,
  • ausreichend Fachkräfte,
  • Schulen, Wohnungen und medizinische Versorgung,
  • klare Ansprechpartner für Investoren.

Fehlen diese Bedingungen, können auch Millioneninvestitionen in Infrastruktur wirkungslos bleiben.

Die Region muss deshalb parallel daran arbeiten, junge Menschen zu halten, Fachkräfte zurückzugewinnen und neue Einwohner anzuziehen.

Fazit

Das geplante Industriegebiet am Kraftwerk Boxberg könnte eines der wichtigsten Strukturwandelprojekte im Landkreis Görlitz werden.

Der Standort besitzt große Vorteile: vorhandene Industrieflächen, Energieanschlüsse, Bahnanschluss, technische Infrastruktur und die Nähe zu Kraftwerk und Tagebauen. Das politische Ziel eines mindestens 50 Hektar großen Industriegebietes hat inzwischen breite Unterstützung erhalten.

Doch von einem fertigen Zukunftsprojekt kann noch keine Rede sein.

Der genaue Standort ist nicht abschließend festgelegt. Konkrete Großinvestoren sind nicht bekannt. Verkehrswege müssen ausgebaut, Eigentumsfragen geklärt und erhebliche Fördermittel organisiert werden.

Boxberg kann zu einem neuen Arbeitsplatzmotor der Oberlausitz werden. Dafür müssen aus politischen Beschlüssen jedoch konkrete Planungen, aus Flächen tatsächliche Baustellen und aus Ankündigungen dauerhafte Industriearbeitsplätze entstehen.

Kommentar: Die Lausitz braucht Fabriken – nicht nur Förderprojekte

Seit Jahren wird in der Lausitz über Strukturwandel gesprochen. Forschungszentren, Studien, Modellprojekte und neue Behörden können wichtige Beiträge leisten.

Doch sie ersetzen keine breite industrielle Wertschöpfung.

Wenn Kraftwerk und Tagebau schrittweise verschwinden, braucht die Region Unternehmen, die Produkte herstellen, Menschen ausbilden, Steuern bezahlen und dauerhaft Arbeitsplätze schaffen.

Ein großes Industriegebiet in Boxberg kann dafür die Grundlage legen. Aber nur, wenn die Verantwortlichen frühzeitig mit echten Investoren sprechen und nicht zunächst Millionen in eine Fläche investieren, für die später die Nutzer fehlen.

Die Oberlausitz darf nach der Kohle nicht zu einer Region werden, die vor allem von Förderprogrammen lebt. Sie muss auch künftig eine Region bleiben, in der produziert, entwickelt und exportiert wird.

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