Violette Felder bei Niesky: Lausitzer Lavendel wird zum Erfolgsmodell

Was 2020 als ungewöhnlicher Anbauversuch begann, entwickelt sich bei Niesky zu einem neuen wirtschaftlichen Standbein. Die Agrargenossenschaft See will ihre Lavendelfläche bis 2027 auf rund 7,5 Hektar verdreifachen. Noch in diesem Jahr sollen etwa 30.000 neue Pflanzen gesetzt werden. Der Lavendel trotzt Trockenheit und Frost – und lockt inzwischen zahlreiche Besucher in die Oberlausitz.

Niesky-See.

Wer durch den Nieskyer Ortsteil See fährt, könnte sich für einen Moment in die französische Provence versetzt fühlen. Wo in der Oberlausitz normalerweise Getreide, Mais oder Raps wächst, leuchten im Sommer inzwischen große Felder in kräftigem Violett.

Der Lausitzer Lavendel ist längst mehr als ein ungewöhnliches Fotomotiv. Für die Agrargenossenschaft See entwickelt sich die Pflanze zu einem wichtigen zusätzlichen Betriebszweig.

Die Nachfrage nach Lavendelöl, Kosmetik, Lebensmitteln und Führungen wächst. Deshalb soll die bislang rund 2,5 Hektar große Anbaufläche erheblich erweitert werden.

Bis 2027 will die Agrargenossenschaft den Lavendelanbau auf rund 7,5 Hektar ausbauen. Allein 2026 sollen etwa 30.000 neue Pflanzen gesetzt werden.

Suche nach einer Antwort auf zunehmende Trockenheit

Hinter dem Projekt steckt nicht nur der Wunsch nach einem neuen regionalen Produkt. Ausgangspunkt waren die zunehmend trockenen Bedingungen in der Oberlausitz.

Die Agrargenossenschaft bewirtschaftet Flächen zwischen Hohendubrau und Rietschen. Zu den bisherigen Kulturen gehören unter anderem Getreide, Raps, Mais, Sonnenblumen und Soja.

Mehrere trockene Jahre zeigten jedoch, wie anfällig klassische Feldfrüchte gegenüber lang anhaltendem Wassermangel sein können. Deshalb suchte der Betrieb nach Pflanzen, die mit leichten Böden und wenig Niederschlag besser zurechtkommen.

Im Jahr 2020 begann schließlich ein in Sachsen ungewöhnlicher Modellversuch mit Lavendel. Rund 2,5 Hektar wurden mit vier verschiedenen Sorten bepflanzt. Die Sorten wurden insbesondere danach ausgewählt, ob sie die Winter der Oberlausitz überstehen können.

Lavendel kommt nach dem Anwachsen ohne Bewässerung aus

Das Experiment verlief offenbar erfolgreicher als zunächst erwartet.

Nach Angaben der Agrargenossenschaft war eine Bewässerung lediglich während der Pflanzphase notwendig. Sobald die Pflanzen angewachsen sind, kommen sie sehr gut mit trockenen Bedingungen zurecht.

Auch Frost und Schnee haben die ausgewählten Sorten bislang überstanden. Pflanzenschutz- und Düngemittel werden beim Lavendelanbau nach Angaben des Betriebes nicht benötigt.

Damit besitzt die Pflanze gleich mehrere Vorteile: Sie benötigt vergleichsweise wenig Wasser, kann mehrjährig genutzt werden und stellt geringere Ansprüche an die Versorgung als manche klassische Ackerkultur.

Der Lavendel ersetzt dennoch nicht einfach Getreide, Raps oder Mais. Die Fläche bleibt im Verhältnis zum gesamten Betrieb klein. Er kann jedoch dabei helfen, das wirtschaftliche Risiko auf mehrere Kulturen zu verteilen.

Fällt eine Getreide- oder Maisernte wegen Trockenheit schlechter aus, können Einnahmen aus Lavendelprodukten zumindest einen Teil der Verluste auffangen.

Ernte beginnt in voller Blüte

Die diesjährige Lavendelernte soll am Montag, dem 13. Juli 2026, beginnen. Zu diesem Zeitpunkt stehen die Pflanzen in voller Blüte und enthalten besonders viele aromatische Bestandteile.

Bei der Ernte werden die blühenden Pflanzenteile abgeschnitten und anschließend verarbeitet. Ein Teil wird getrocknet, ein anderer Teil wird destilliert.

Durch Wasserdampfdestillation entstehen ätherisches Lavendelöl und sogenanntes Lavendelhydrolat, das auch als Lavendelwasser bezeichnet wird.

Im Jahr 2022 wurden nach Angaben des Unternehmens rund 45 Kilogramm Lavendelöl gewonnen. Zuletzt lag die reine Ölausbeute bei ungefähr 20 Kilogramm. Der Rückgang bedeutet jedoch nicht zwangsläufig eine schlechtere Ernte.

Inzwischen werden deutlich mehr Blüten direkt für andere Erzeugnisse verwendet und deshalb nicht mehr vollständig zu Öl verarbeitet.

Von der Seife bis zum Lavendelbier

Aus dem ursprünglich kleinen Versuch ist eine umfangreiche regionale Produktlinie entstanden.

Die Agrargenossenschaft bietet unter anderem Lavendelduftöl, Lavendelwasser und Duftsäckchen an. Gemeinsam mit regionalen Partnern entstehen außerdem Seifen, Lippenpflege, festes Shampoo und Massageöl.

Auch in Lebensmitteln wird der Lausitzer Lavendel verarbeitet. Zum Sortiment gehören unter anderem Lavendelsalami, Schokolade und Eis. Weitere Partner verwenden die Blüten beziehungsweise das Aroma für Käse, Wurst und Bier.

Damit wird nicht nur ein landwirtschaftlicher Rohstoff verkauft. Aus einer Pflanze entstehen verschiedene Produkte mit einer deutlich höheren Wertschöpfung.

Ein Kilogramm unverarbeiteter Lavendel besitzt nur einen begrenzten Verkaufswert. Wird daraus jedoch Öl, Naturkosmetik, Schokolade oder ein regionales Geschenkset, kann ein wesentlich höherer Erlös erzielt werden.

Gerade für kleinere und mittlere Landwirtschaftsbetriebe kann diese Verarbeitung entscheidend sein.

Verkauf über Hofladen, Internet und regionale Partner

Die Produkte werden überwiegend im eigenen Hofladen im Nieskyer Ortsteil See sowie über einen Online-Shop verkauft. Zusätzlich sind einzelne Erzeugnisse in regionalen Verkaufsstellen erhältlich, unter anderem in Görlitz und Bad Muskau.

Während der Lavendelsaison vom 10. Juni bis zum 10. August ist der Hofladen von Montag bis Samstag zwischen 10 und 18 Uhr sowie sonntags zwischen 11 und 18 Uhr geöffnet.

Die direkte Vermarktung hat einen wichtigen Vorteil: Ein größerer Teil des Verkaufspreises bleibt beim Betrieb und den beteiligten regionalen Unternehmen.

Zugleich entsteht eine eigenständige Marke. Der Name „Lausitzer Lavendel“ verbindet das Produkt unmittelbar mit der Region und unterscheidet es von importierter Massenware.

Aus dem Acker wird ein Ausflugsziel

Die violetten Felder ziehen inzwischen nicht nur Kunden, sondern auch Touristen an.

Sobald sich ab Mitte Juni die ersten Blüten öffnen, besuchen zahlreiche Menschen den Betrieb. Besonders an den Wochenenden ist der Andrang groß. Nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Andreas Graf war der Hof an mehreren Wochenenden vollständig mit Autos gefüllt. Zeitweise finden täglich bis zu zwei Führungen durch die Felder statt.

Viele Besucher kommen zum Fotografieren, informieren sich über die Pflanzen oder kaufen anschließend Produkte im Hofladen.

Damit wird der Lavendelanbau gleichzeitig zu einem touristischen Angebot. Davon könnten auch andere Betriebe in der Umgebung profitieren – etwa Gaststätten, Ferienwohnungen, Hofläden und Ausflugsziele.

Die Herausforderung besteht darin, den Besucherverkehr so zu organisieren, dass Felder und Pflanzen nicht beschädigt werden und Anwohner möglichst wenig belastet werden.

Erlebnistage und Führungen rund um den Lavendel

Die Agrargenossenschaft beschränkt sich nicht auf den reinen Verkauf.

Am 12. Juli 2026 fand in See ein eigener Lavendel-Erlebnistag statt. Besucher konnten den Betrieb und die Verarbeitung kennenlernen. Weitere Angebote vermitteln, wie aus den Blüten ätherisches Öl entsteht.

Am 13. Juli 2026 wird außerdem ein Lavendel-Feldtag veranstaltet. Vertreter der Agrargenossenschaft und des Forschungsinstituts für Bergbaufolgelandschaften informieren über Anbau, Pflege, Ernte und wirtschaftliche Nutzung.

Damit wird der Betrieb zu einem Lernort für Landwirte, Verbraucher und andere Interessierte.

Gerade für landwirtschaftliche Unternehmen aus Regionen mit trockenen und sandigen Böden dürfte interessant sein, ob sich ähnliche Kulturen auch auf ihren Flächen eignen.

Freistaat und Europäische Union förderten das Pilotprojekt

Der Modellversuch wurde über drei Jahre vom Freistaat Sachsen und von der Europäischen Union unterstützt.

Nach Einschätzung des sächsischen Umweltministeriums ist es dem Betrieb gelungen, die Marke „Lausitzer Lavendel“ aufzubauen und erfolgreich zu vermarkten. Neue Kulturen könnten Landwirtschaftsbetrieben helfen, sich an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen und das Risiko bei Extremwetter zu reduzieren.

Die Förderung war sinnvoll, weil der Anbau einer neuen Kultur erhebliche Risiken mit sich bringt.

Zu Beginn war nicht sicher, welche Sorten den Winter überstehen, wie hoch der Pflegeaufwand sein würde, welche Erntetechnik benötigt wird und ob genügend Kunden für die Produkte gefunden werden können.

Diese Erfahrungen können nun auch anderen Landwirtschaftsbetrieben zugutekommen.

Lavendel ist keine einfache Wunderpflanze

Trotz des Erfolges darf Lavendel nicht als unkomplizierte Lösung für sämtliche Probleme der Landwirtschaft dargestellt werden.

Der Markt für Lavendelprodukte ist begrenzt. Würden zahlreiche Betriebe gleichzeitig große Flächen bepflanzen, könnte das Angebot die regionale Nachfrage schnell übersteigen.

Auch die Ernte und Verarbeitung sind aufwendig. Für hochwertiges Öl wird spezielle Destillationstechnik benötigt. Kosmetik und Lebensmittel müssen rechtliche Anforderungen erfüllen. Hinzu kommen Verpackung, Vermarktung, Versand und Kundenbetreuung.

Sonderkulturen funktionieren deshalb vor allem dann, wenn Anbau, Verarbeitung, Marke und Vertrieb zusammenpassen.

Die Agrargenossenschaft See verkauft nicht einfach nur Lavendelblüten. Sie vermarktet ein regionales Gesamterlebnis aus Landwirtschaft, Produkten, Hofladen und Tourismus.

Neue Chancen für Bienen und andere Insekten

Lavendelfelder sind während der Blüte auch für Bienen, Hummeln und andere Insekten attraktiv.

Die Agrargenossenschaft betreibt zusätzlich eine eigene Imkerei. Dadurch lassen sich Landwirtschaft, Blühflächen und Honigproduktion miteinander verbinden. Der Betrieb verkauft unter anderem Honig aus eigener Erzeugung.

Allerdings ersetzt ein Lavendelfeld keine vielfältige Naturlandschaft. Für den Schutz von Insekten sind weiterhin unterschiedliche Blühpflanzen, Hecken, Wiesen und möglichst lange Blühzeiträume notwendig.

Dennoch kann eine mehrjährige blühende Kultur ökologisch wertvoller sein als eine Fläche, die nur kurzzeitig Nahrung bietet.

Könnte die Oberlausitz eine Lavendelregion werden?

Bislang ist das Projekt in See etwas Besonderes. Doch der Erfolg dürfte auch andere Landwirtschaftsbetriebe aufmerksam machen.

Viele Flächen der nördlichen und östlichen Oberlausitz besitzen leichte, teilweise sandige Böden. Gleichzeitig nehmen sommerliche Trockenperioden den Betrieben regelmäßig Planungssicherheit.

Lavendel könnte deshalb an einzelnen Standorten eine sinnvolle Ergänzung sein.

Denkbar wären weitere Sonderkulturen wie Kräuter, Faserpflanzen oder trockenheitsverträgliche Ölpflanzen. Entscheidend ist jedoch immer, ob Verarbeitung und Absatz gesichert sind.

Die Oberlausitz wird deshalb wahrscheinlich nicht flächendeckend zu einer zweiten Provence. Doch einzelne violette Felder könnten künftig häufiger zum Landschaftsbild gehören.

Regionale Verarbeitung entscheidet über den Erfolg

Besonders wertvoll wird das Projekt dann, wenn möglichst viele Arbeitsschritte in der Region stattfinden.

Werden Lavendelblüten in See angebaut, aber anschließend unverarbeitet an einen entfernten Großhändler verkauft, bleibt nur ein kleiner Teil der Wertschöpfung in der Oberlausitz.

Werden daraus dagegen in regionalen Unternehmen Kosmetik, Lebensmittel und Geschenkartikel hergestellt, profitieren mehrere Betriebe gleichzeitig.

Das stärkt kurze Lieferketten und schafft Produkte, die sich eindeutig mit der Oberlausitz verbinden lassen.

Gerade im Tourismus sind solche authentischen regionalen Erzeugnisse gefragt. Viele Besucher möchten keine beliebige Importware kaufen, sondern etwas mitnehmen, das tatsächlich vor Ort entstanden ist.

Fazit

Der Lausitzer Lavendel bei Niesky zeigt, dass sich Innovation in der Landwirtschaft nicht nur in großen Maschinen oder digitalen Systemen ausdrückt.

Manchmal beginnt sie mit einer Pflanze, die bisher kaum jemand mit der Oberlausitz verbunden hätte.

Aus einem Modellversuch auf rund 2,5 Hektar ist innerhalb von sechs Jahren ein wachsendes wirtschaftliches Standbein geworden. Vier winterharte Sorten kommen mit Frost und Trockenheit zurecht. Aus den Blüten entstehen Öl, Kosmetik, Lebensmittel und touristische Angebote.

Bis 2027 soll die Anbaufläche auf ungefähr 7,5 Hektar steigen. Rund 30.000 neue Pflanzen sind allein für 2026 vorgesehen.

Der Lavendel wird Getreide, Mais und Raps nicht ersetzen. Er zeigt aber, wie Landwirtschaftsbetriebe neue Wege gehen, Risiken verteilen und zusätzliche Wertschöpfung in der Region schaffen können.

Kommentar: Die Oberlausitz braucht mehr Mut zu eigenen Produkten

Zu oft werden wirtschaftliche Hoffnungen in der Oberlausitz allein mit großen Industrieansiedlungen verbunden.

Dabei entsteht regionale Stärke auch in kleineren Projekten: auf Feldern, in Werkstätten, Hofläden und Manufakturen.

Der Lausitzer Lavendel ist dafür ein gutes Beispiel. Der Betrieb hat nicht darauf gewartet, dass jemand von außen eine fertige Lösung bringt. Er hat ausprobiert, Erfahrungen gesammelt und aus einer ungewöhnlichen Kultur eine regionale Marke aufgebaut.

Genau diesen Mut braucht die Oberlausitz.

Nicht jedes Experiment wird erfolgreich sein. Doch ohne Versuche entstehen weder neue Produkte noch neue Besucherangebote oder zusätzliche Einnahmen.

Entscheidend ist, dass Fördermittel nicht in endlosen Studien verschwinden, sondern Betrieben helfen, konkrete Ideen auf dem Feld und am Markt zu testen.

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