Die Zahl der Auto- und Fahrraddiebstähle ist in Zittau innerhalb von zwei Jahren deutlich gesunken. Gleichzeitig konnte die Polizei erheblich mehr Fälle aufklären. Eine wichtige Rolle könnte das Überwachungssystem PerIS an den Grenzübergängen nach Polen spielen. Polizei und Stadt warnen jedoch vor vorschnellen Schlussfolgerungen.
Zittau.
Die Grenzlage gehört zu Zittau – wirtschaftlich, kulturell und im täglichen Leben. Seit der Öffnung der Grenzen im Schengen-Raum ist jedoch auch die grenzüberschreitende Kriminalität regelmäßig Thema. Besonders Auto- und Fahrraddiebstähle sowie Einbrüche haben das Sicherheitsgefühl vieler Einwohner über Jahre belastet.
Nun zeigen aktuelle Zahlen eine bemerkenswerte Entwicklung: Bestimmte Eigentumsdelikte sind in Zittau innerhalb von nur zwei Jahren deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig konnte die Polizei einen wesentlich größeren Anteil der angezeigten Straftaten aufklären.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei gestohlenen Kraftfahrzeugen.
Zahl der Kfz-Diebstähle mehr als halbiert
Im Jahr 2023 registrierte die Polizei in Zittau noch 57 Kraftfahrzeugdiebstähle. Zwei Jahre später waren es 2025 nur noch 25 Fälle. Damit sank die Zahl der angezeigten Kfz-Diebstähle um mehr als 56 Prozent.
Auch Fahrräder wurden deutlich seltener gestohlen. Während die Polizei 2023 noch 158 Fahrraddiebstähle erfasste, waren es 2025 lediglich 58. Das entspricht einem Rückgang um rund 63 Prozent.
Die Zahlen bedeuten nicht, dass Diebstähle in Zittau kein Problem mehr darstellen. Sie zeigen jedoch einen deutlichen Trend, der sich kaum als gewöhnliche jährliche Schwankung abtun lässt.
Aufklärungsquote bei Autodiebstählen vervierfacht
Noch stärker als die Zahl der Taten veränderte sich die Aufklärungsquote. Im Jahr 2023 konnte die Polizei lediglich 12,5 Prozent der Kfz-Diebstähle in Zittau aufklären. 2025 lag die Quote bereits bei 54 Prozent.
Damit wurde zuletzt mehr als jeder zweite angezeigte Kraftfahrzeugdiebstahl aufgeklärt. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Aufklärungsquote somit mehr als vervierfacht.
Bei besonders schweren Fällen des Diebstahls stieg die Aufklärungsquote ebenfalls deutlich – von 17 Prozent im Jahr 2023 auf 30 Prozent im Jahr 2025.
Zum Vergleich: Bundesweit lag die Aufklärungsquote bei Kraftfahrzeugdiebstählen 2024 bei lediglich 29,2 Prozent. Bei Fahrraddiebstählen wurden deutschlandweit sogar weniger als zehn Prozent der Fälle aufgeklärt.
Die Zittauer Zahlen fallen damit zumindest bei den Kfz-Diebstählen außergewöhnlich gut aus.
Kameras überwachen drei Zittauer Grenzübergänge
Als möglicher Grund für die Entwicklung gilt das sogenannte Personen-Identifikations-System, kurz PerIS. Die hochauflösende Überwachungstechnik ist seit Ende 2023 an den drei mit Kraftfahrzeugen passierbaren Grenzübergängen zwischen Zittau und Polen installiert.
Überwacht werden die Übergänge an der Friedensstraße, der Chopinstraße und der Bundesstraße 178. Fahrzeuge sowie Fahrer und Beifahrer werden beim Grenzübertritt von Kameras aufgenommen.
Die Bilder werden nach vier Tagen gelöscht, sofern die Polizei sie nicht für die Aufklärung einer Straftat benötigt. Die Technik soll es den Ermittlern ermöglichen, verdächtige Fahrzeuge nach einer Tat schneller zu identifizieren und mögliche Fluchtrouten über die Grenze nachzuvollziehen.
PerIS wurde zuvor bereits in Görlitz eingesetzt. Dort installierte der Freistaat das System bereits 2019.
Rund 370 für Ermittlungen relevante Treffer
Allein in Zittau lieferte das Kamerasystem seit seiner Einführung im Jahr 2024 nach Angaben der Polizei rund 370 Treffer, die für Ermittlungen oder Strafverfahren von Bedeutung waren.
Dabei ging es nicht ausschließlich um Auto- oder Fahrraddiebe. Mithilfe der Aufnahmen konnten offenbar auch Einbrecher, mutmaßliche Drogendealer, Enkeltrickbetrüger und weitere grenzüberschreitend handelnde Tatverdächtige festgestellt werden.
Ein Beispiel lieferte die Polizei im März 2026: Ein tschechisches Tatverdächtigen-Duo wurde demnach bei der Einreise nach Zittau in einem gestohlenen Auto von den Kameras erfasst.
Für die Ermittler ist die Technik vor allem deshalb wichtig, weil Straftäter die Grenze innerhalb weniger Minuten überqueren können. Ohne verwertbare Bilder oder Fahrzeugdaten verlieren sich Ermittlungsansätze häufig auf der anderen Seite der Neiße.
Oberbürgermeister Zenker sieht abschreckende Wirkung
Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker bewertet die Entwicklung positiv. Entscheidend sei vor allem, dass die Technik die Aufklärung erleichtere. Dort, wo Straftaten regelmäßig aufgeklärt würden, würden Kriminelle entsprechende Orte langfristig eher meiden.
Neben der Aufklärung setzt die Stadt somit auch auf eine abschreckende Wirkung. Potenzielle Täter müssen damit rechnen, bei der Ein- oder Ausreise gefilmt und später identifiziert zu werden.
Ob sich die deutlichen Rückgänge tatsächlich hauptsächlich auf PerIS zurückführen lassen, ist allerdings nicht eindeutig nachweisbar.
Polizei nennt mehrere mögliche Ursachen
Auch der frühere Leiter der Sonderkommission Argus, Martin Reiner von der Polizeidirektion Görlitz, warnt vor einer zu einfachen Erklärung. Für den Rückgang der Fallzahlen dürften mehrere Faktoren verantwortlich sein.
Neben der Kameraüberwachung könnten die seit Herbst 2023 bestehenden stationären Grenzkontrollen der Bundespolizei eine Rolle spielen. Diese wurden bereits rund zwei Monate vor der Einführung von PerIS in Zittau aufgenommen.
Hinzu kommen die Zusammenarbeit mit der polnischen und tschechischen Polizei, gezielte Fahndungsmaßnahmen, bessere Sicherungssysteme an Fahrzeugen sowie wirtschaftliche Veränderungen in den Nachbarländern. Nach Einschätzung Reiners könnten auch die geringer gewordenen Einkommensunterschiede zwischen Deutschland und Polen einen Einfluss haben.
Eine unmittelbare Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen Kameraüberwachung und weniger Straftaten lässt sich deshalb statistisch nicht zweifelsfrei belegen.
Oberlausitz bleibt Transitroute für gestohlene Fahrzeuge
Trotz des positiven Zittauer Trends bleibt die Eigentumskriminalität in der Oberlausitz ein bedeutendes Thema. In den Landkreisen Görlitz und Bautzen wurden 2025 insgesamt 280 Kraftfahrzeuge gestohlen. Das waren zwar 77 Fahrzeuge weniger als im Vorjahr, dennoch gilt die Region weiterhin als wichtige Transitroute für international agierende Autoschieber.
Nach Angaben der Polizei weichen Täter seit der Einführung der Grenzkontrollen verstärkt von der Autobahn 4 auf Bundesstraßen und kleinere Grenzübergänge aus. Betroffen sind unter anderem die B 156 und die B 169.
Auch beim Fahrraddiebstahl bleibt die Gesamtzahl in der Oberlausitz hoch. Im Jahr 2025 wurden in den beiden Landkreisen noch 955 Fahrräder als gestohlen gemeldet. Besonders gefragt seien hochwertige Fahrräder und E-Bikes.
Verlagerung in andere Orte nicht ausgeschlossen
Die verbesserten Zahlen in Zittau werfen deshalb eine weitere Frage auf: Werden tatsächlich weniger Straftaten begangen oder verlagern Täter ihre Aktivitäten lediglich an andere Grenzübergänge und in schlechter überwachte Orte?
Denkbar ist, dass bekannte Tätergruppen die überwachten Übergänge in Zittau meiden und stattdessen über kleinere Straßen, über Tschechien oder über andere Teile des Landkreises ausweichen.
Für eine belastbare Beurteilung müssten deshalb nicht nur die Zittauer Zahlen, sondern auch die Entwicklungen in umliegenden Städten und Gemeinden untersucht werden. Ein Rückgang in Zittau wäre weniger überzeugend, wenn die entsprechenden Straftaten gleichzeitig in anderen Orten deutlich zunähmen.
Bislang sprechen die überregionalen Zahlen jedoch zumindest ebenfalls für einen Rückgang. In den Landkreisen Görlitz und Bautzen sank die Zahl gestohlener Fahrzeuge 2025 gegenüber dem Vorjahr deutlich.
Überwachung bleibt politisch umstritten
Die systematische Aufzeichnung sämtlicher Fahrzeuge und Insassen an den Grenzübergängen ist dennoch ein erheblicher Eingriff. Schließlich werden nicht nur Tatverdächtige, sondern alle Autofahrer erfasst, die die entsprechenden Übergänge nutzen.
Befürworter argumentieren, dass die Daten nur wenige Tage gespeichert und ausschließlich bei einem konkreten Ermittlungsbedarf länger verwendet würden. Kritiker sehen dagegen die Gefahr einer zunehmenden flächendeckenden Überwachung des öffentlichen Raums.
Entscheidend wird daher sein, ob die Nutzung der Aufnahmen streng kontrolliert, transparent dokumentiert und regelmäßig auf ihre Verhältnismäßigkeit überprüft wird.
Die positiven Kriminalitätszahlen allein dürfen nicht dazu führen, dass jede Form der Überwachung automatisch als gerechtfertigt gilt. Gleichzeitig wäre es jedoch ebenso falsch, den messbaren Nutzen der Technik grundsätzlich zu bestreiten.
Fazit
Die aktuellen Zahlen sind für Zittau zunächst eine gute Nachricht. Innerhalb von zwei Jahren haben sich die Kfz-Diebstähle mehr als halbiert und die Fahrraddiebstähle sogar um rund zwei Drittel verringert. Gleichzeitig stieg die Aufklärungsquote bei gestohlenen Fahrzeugen von 12,5 auf 54 Prozent.
Das Kamerasystem PerIS dürfte dazu beigetragen haben. Rund 370 für Ermittlungen relevante Treffer zeigen, dass die Technik nicht nur theoretisch vorhanden ist, sondern tatsächlich genutzt wird.
Dennoch wäre es vorschnell, den Erfolg allein der Videoüberwachung zuzuschreiben. Grenzkontrollen, internationale Polizeiarbeit, wirtschaftliche Veränderungen und mögliche Verlagerungseffekte müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
Für die Einwohner bleibt am Ende vor allem eine entscheidende Erkenntnis: Das Risiko, dass ein gestohlenes Fahrzeug einfach über die Grenze verschwindet und der Täter nie ermittelt wird, scheint in Zittau deutlich gesunken zu sein.
Kommentar: Sicherheit braucht Kontrolle – aber auch Kontrolle der Kontrolle
Dass weniger Autos und Fahrräder gestohlen werden, ist ein Erfolg. Wer selbst schon einmal Opfer eines Diebstahls geworden ist, weiß, dass es dabei nicht nur um den materiellen Schaden geht. Zurück bleiben Ärger, Unsicherheit und häufig das Gefühl, dass Täter ohnehin nicht gefasst werden.
Wenn moderne Technik dabei hilft, Straftäter zu identifizieren und gestohlene Fahrzeuge zurückzubringen, sollte sie nicht aus grundsätzlicher Technikfeindlichkeit abgelehnt werden.
Doch auch eine erfolgreiche Überwachung darf kein Freibrief sein. Es muss nachvollziehbar bleiben, wer auf die Daten zugreifen darf, wie oft dies geschieht und wann die Aufnahmen endgültig gelöscht werden.
PerIS kann ein sinnvolles Instrument sein – vorausgesetzt, die Technik dient den Ermittlungen und entwickelt sich nicht unbemerkt zu einer dauerhaften Überwachung unbescholtener Bürger.


