Arbeitslosigkeit in Sachsen auf Zehn-Jahres-Hoch: Auch die Oberlausitz bleibt unter Druck

Dresden/Zittau. Die Lage am sächsischen Arbeitsmarkt bleibt angespannt. Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen im Juni leicht gesunken, dennoch liegt Sachsen beim höchsten Juni-Stand seit zehn Jahren. Rund 150.000 Menschen waren im Freistaat arbeitslos gemeldet. Das waren knapp 1.500 weniger als im Mai, aber 2.800 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote blieb unverändert bei 7,0 Prozent. Zuletzt lag sie in einem Juni nur 2016 höher, damals bei 7,2 Prozent.

Für die kommenden Monate rechnet die Bundesagentur für Arbeit wieder mit einem Anstieg. Der Grund: Viele junge Menschen beenden Schule, Ausbildung oder Studium und melden sich zunächst arbeitslos. Gleichzeitig bleiben viele Unternehmen wegen wirtschaftlicher Unsicherheit bei Neueinstellungen zurückhaltend. Der Chef der Regionaldirektion Sachsen, Klaus-Peter Hansen, erklärte, viele Arbeitgeber würden wegen der Ferienzeit erst später spürbar Personal einstellen.

Ostsachsen: Weniger Arbeitslose, aber kaum Dynamik

Auch in der Oberlausitz zeigt sich ein gemischtes Bild. Im Bezirk der Agentur für Arbeit Bautzen, zu dem die Landkreise Bautzen und Görlitz gehören, waren im Juni 19.626 Menschen arbeitslos gemeldet. Das waren 242 Personen weniger als im Vormonat und 617 weniger als im Juni 2025. Die Arbeitslosenquote sank leicht auf 7,2 Prozent.

Auf den ersten Blick klingt das positiv. Doch die Agentur für Arbeit Bautzen spricht selbst von fehlender Dynamik. Anja Schilling, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bautzen, sieht eine besondere Herausforderung beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit. Eine dauerhafte Lösung könne nur erreicht werden, wenn Unternehmen wieder mehr Arbeitsplätze schaffen – abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung in konjunkturnahen Branchen.

Jugendarbeitslosigkeit bleibt Warnsignal

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei jungen Menschen. Im Agenturbezirk Bautzen/Görlitz waren im Juni 1.942 Jugendliche unter 25 Jahren arbeitslos. Das waren zwar 62 weniger als im Mai, aber 191 mehr als vor einem Jahr. Damit liegt die Jugendarbeitslosigkeit um 10,9 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Für die Region um Zittau ist das ein ernstes Signal. Gerade junge Menschen brauchen nach Schule und Ausbildung schnelle Anschlüsse: Ausbildungsplätze, Jobs, Qualifizierung oder Studium. Wer früh längere Zeit ohne Arbeit bleibt, verliert nicht nur Einkommen, sondern oft auch Perspektive und Bindung an die Region.

Landkreis Görlitz und Zittau: Fachkräfte gesucht, aber Betriebe bleiben vorsichtig

In der Region gibt es weiterhin offene Stellen. Im Agenturbezirk Bautzen wurden im Juni 711 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen gemeldet. Das waren allerdings 48 weniger als im Mai und 145 weniger als vor einem Jahr. Insgesamt waren 4.291 sozialversicherungspflichtige Stellen im Bestand. Die meisten Angebote gab es in der Zeitarbeit, im verarbeitenden Gewerbe, im Handel, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie bei freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen.

Für Zittau und den Landkreis Görlitz bedeutet das: Es gibt Arbeit, aber nicht immer dort, wo Arbeitssuchende passende Qualifikationen haben. Viele Stellen richten sich an Fachkräfte, Spezialisten und Experten. Wer keinen Berufsabschluss hat oder dessen Abschluss nicht anerkannt ist, hat es schwerer.

Schon im Jahresausblick der Arbeitsagentur für Ostsachsen wurde darauf hingewiesen, dass besonders Menschen mit wenig Berufserfahrung oder fehlendem Berufsabschluss in Zeiten zurückhaltender Einstellungsbereitschaft größere Probleme haben. 2025 hatten im Agenturbezirk Bautzen 42 Prozent aller Arbeitslosen keinen Berufsabschluss beziehungsweise keinen in Deutschland anerkannten ausländischen Abschluss.

Industrie und Gewerbe unter Druck

Sachsenweit warnt der DGB vor einem ernsten Signal im verarbeitenden Gewerbe. Landesvize Ralf Hron sprach von ernüchternden Zahlen und verwies auf einen Jobabbau von 10.300 Beschäftigten binnen eines Jahres in diesem Bereich. Die „grassierende Unsicherheit“ sei Gift für den Arbeitsmarkt.

Das ist gerade für Ostsachsen wichtig. In der Oberlausitz hängen viele Arbeitsplätze an Industrie, Handwerk, Zulieferern, Bau, Logistik und Dienstleistungen. Wenn Betriebe weniger investieren oder Neueinstellungen verschieben, spüren das nicht nur Großstädte, sondern auch kleinere Orte wie Zittau, Löbau, Ebersbach-Neugersdorf, Oderwitz, Seifhennersdorf oder Großschönau.

Sachsenweit: Chemnitz und Leipzig mit höchsten Quoten

Im Juni ging die Arbeitslosigkeit laut Regionaldirektion zwar in allen Landkreisen und kreisfreien Städten zurück. Am stärksten fiel der Rückgang im Erzgebirge aus, am geringsten in Leipzig. Die höchsten Arbeitslosenquoten hatten Chemnitz mit 9,7 Prozent und Leipzig mit 8,8 Prozent. Am niedrigsten lag die Quote im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit 5,4 Prozent.

Sachsenweit meldeten Unternehmen im Juni knapp 6.500 neue freie Stellen. Insgesamt lagen den Arbeitsagenturen und Jobcentern fast 32.500 Jobangebote vor. Gleichzeitig ging die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs zurück: Im April waren es nach jüngsten Hochrechnungen 1,61 Millionen Beschäftigte, 18.300 weniger als ein Jahr zuvor.

Was heißt das für die Region Zittau?

Für Zittau und den Landkreis Görlitz ist die Lage widersprüchlich. Einerseits sinkt die Arbeitslosigkeit in Ostsachsen leicht. Andererseits bleibt die Quote mit 7,2 Prozent über dem sächsischen Durchschnitt von 7,0 Prozent. Gleichzeitig steigt die Jugendarbeitslosigkeit im Jahresvergleich deutlich.

Das zeigt: Die Region braucht nicht nur kurzfristige Vermittlung, sondern langfristige Standortpolitik. Wichtig sind Ausbildungsplätze, Qualifizierung, bezahlbare Mobilität, starke Berufsschulen, eine bessere Anbindung und Betriebe, die wieder Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung haben.

Gerade in Zittau kommt hinzu: Die Hochschule, die Grenzlage und der Strukturwandel bieten Chancen. Forschung, Energie, Tourismus, Pflege, Handwerk und grenzüberschreitende Zusammenarbeit könnten neue Jobs schaffen. Doch dafür müssen Investitionen auch wirklich in der Region ankommen.

Kommentar

Die Zahlen klingen auf den ersten Blick harmlos: etwas weniger Arbeitslose als im Mai. Doch der Blick dahinter ist ernüchternd. Sachsen liegt beim höchsten Juni-Wert seit zehn Jahren. Das ist kein normaler saisonaler Ausschlag, sondern ein Warnsignal.

Für die Oberlausitz ist besonders die Jugendarbeitslosigkeit gefährlich. Wenn junge Menschen nach Schule oder Ausbildung keinen Anschluss finden, gehen sie weg – nach Dresden, Leipzig, Bayern oder gleich ins Ausland. Genau das kann sich eine Region wie Zittau nicht leisten.

Die Politik spricht oft von Fachkräftemangel. Gleichzeitig bleiben junge Leute ohne Arbeit, weil Abschlüsse fehlen, Stellen nicht passen oder Betriebe zögern. Diese Lücke muss geschlossen werden: mit Ausbildung, Weiterbildung, echter Wirtschaftsförderung und weniger Bürokratie für Unternehmen.

Die Oberlausitz braucht Arbeit, die bleibt. Nicht nur Förderprogramme auf dem Papier, sondern Betriebe, die einstellen, ausbilden und investieren. Sonst wird aus einem leichten Rückgang im Juni schnell ein bitterer Herbst.

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