Herrnhut/Zittau. Herrnhut rückt weiter in den Fokus internationaler Besucher. Am heutigen Montag, 29. Juni 2026, wird in der Oberlausitzer Kleinstadt ein neuer Welterbe-Infopunkt eröffnet. Gleichzeitig erhält Herrnhut offiziell die UNESCO-Welterbe-Urkunde. Zur feierlichen Übergabe werden unter anderem Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und ein Vertreter des Auswärtigen Amtes erwartet.
Der neue Infopunkt befindet sich im Kirchsaal der Herrnhuter Brüdergemeine und soll Besuchern Orientierung geben. Geplant sind zweisprachige Tafeln mit Informationen zur Geschichte Herrnhuts, zur Brüdergemeine, zur Baugeschichte und zur Bedeutung des Welterbes. Der Standort ist bewusst gewählt: Der Kirchsaal gehört zu den zentralen Orten der Brüdergemeine und ist in der Regel tagsüber zugänglich.
Herrnhut ist seit Juli 2024 Teil des UNESCO-Welterbes „Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine“. Der Titel gilt nicht nur für Herrnhut allein, sondern für ein transnationales Welterbe mit vier Orten: Herrnhut in Sachsen, Christiansfeld in Dänemark, Bethlehem in Pennsylvania und Gracehill in Nordirland. Gemeinsam stehen diese Orte für ein weltweites Netzwerk religiöser Planstädte, das zwischen 1722 und 1808 entstand.
Mehr internationale Gäste in Herrnhut
Die UNESCO-Anerkennung zeigt bereits Wirkung. Nach Angaben aus Herrnhut sind die messbaren Gästezahlen im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um etwa 20 Prozent gestiegen. Besucher kamen demnach unter anderem aus Polen, Tschechien, den USA, Südkorea und Taiwan. Für eine Kleinstadt in der Oberlausitz ist das ein starkes Signal: Herrnhut wird nicht mehr nur regional wahrgenommen, sondern zunehmend international.
Trotzdem ist Herrnhut kein Ort für Massentourismus. Vielmehr geht es um Kulturreisende, Tagesgäste, Geschichtsinteressierte und Besucher, die gezielt nach besonderem religiösem und architektonischem Erbe suchen. Genau hier kann der neue Infopunkt helfen: Wer erstmals nach Herrnhut kommt, findet nun eine zentrale Anlaufstelle, bevor er Kirchsaal, Gottesacker, Heimatmuseum oder die bekannte Herrnhuter Sterne-Manufaktur besucht.
Chance für Zittau und das ganze Umland
Auch für Zittau ist die Entwicklung interessant. Herrnhut liegt nur wenige Kilometer von Zittau entfernt und gehört damit klar zum touristischen Einzugsgebiet des Zittauer Umlandes. Wer wegen des UNESCO-Welterbes nach Herrnhut reist, kann seinen Aufenthalt leicht mit einem Besuch in Zittau, im Zittauer Gebirge, in Oybin, Jonsdorf oder im Dreiländereck verbinden.
Gerade für Hotels, Ferienwohnungen, Gastronomie und regionale Anbieter entsteht dadurch eine neue Chance. Kulturreisende bleiben oft nicht nur an einem Ort. Sie suchen Rundwege, Tagesprogramme, historische Städte, gute Restaurants und besondere Fotomotive. Zittau kann davon profitieren, wenn die Stadt stärker als Ausgangspunkt für Welterbe-, Natur- und Kulturreisen vermarktet wird.
Ein möglicher Tagesablauf liegt auf der Hand: Vormittags Herrnhut mit Welterbe-Infopunkt, Kirchsaal und Sterne-Manufaktur, danach Mittagessen in der Region, anschließend Zittau mit historischem Stadtkern oder ein Abstecher ins Zittauer Gebirge. Für Gäste aus Dresden, Prag, Liberec, Görlitz oder Bautzen kann daraus ein attraktiver Tagesausflug werden.
Herrnhut als „kleine Stadt von Welt“
Herrnhut ist historisch weit bedeutender, als seine Größe vermuten lässt. Der Ort entstand ab 1722, als protestantische Glaubensflüchtlinge aus Mähren in der Oberlausitz Zuflucht fanden. Aus der Siedlung entwickelte sich die Herrnhuter Brüdergemeine, deren Missionare und Gemeindemitglieder ihre Ideen später in andere Länder trugen. Architektur, Glaubenspraxis und Siedlungsplanung wurden damit zu einem internationalen Kulturerbe.
Zur touristischen Marke gehört auch der Herrnhuter Stern, der weit über Sachsen hinaus bekannt ist. Er ist für viele Besucher der erste Begriff, den sie mit Herrnhut verbinden. Der Welterbe-Titel erweitert dieses Bild nun deutlich: Herrnhut steht nicht nur für Weihnachten und Sterne, sondern auch für Weltgeschichte, Architektur, Glaubensfreiheit und internationale Vernetzung.
Kommentar
Der neue Welterbe-Infopunkt ist mehr als ein paar Tafeln im Kirchsaal. Er ist ein Signal: Die Oberlausitz hat touristisch mehr zu bieten als schöne Landschaft und Fachwerk. Herrnhut bringt Weltkultur in die Region – und Zittau sollte diese Chance entschlossen nutzen.
Denn wer heute über Tourismus spricht, muss vernetzt denken. Herrnhut allein ist stark. Zittau allein ist stark. Das Zittauer Gebirge allein ist stark. Aber zusammen entsteht ein Angebot, das Gäste länger in der Region hält. Genau daraus werden Übernachtungen, Restaurantbesuche, Führungen, Buchungen und neue Sichtbarkeit.
Die Oberlausitz braucht solche Geschichten. Nicht kleinreden, nicht verstecken, sondern selbstbewusst vermarkten.


