Zittau. Die Städtischen Museen Zittau starten einen Aufruf an die Bevölkerung. Gesucht werden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die späte DDR-Zeit in Zittau und im Dreiländereck selbst erlebt haben. Im Mittelpunkt stehen die intensive Industrialisierung, große Betriebe wie die Robur-Werke, die Textil- und Chemieindustrie, der Braunkohletagebau, das Kraftwerk Hirschfelde, massive Umweltbelastungen sowie frühe Abwanderungsbewegungen aus der Region.
Das Thema ist für Zittau und die gesamte südliche Oberlausitz von besonderer Bedeutung. Kaum eine Region wurde im 20. Jahrhundert so stark durch Industrie geprägt – und musste nach 1990 einen so tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch bewältigen.
Gesucht werden persönliche Erinnerungen
Die Museen suchen keine trockenen Statistiken, sondern persönliche Erfahrungen. Menschen, die damals in Betrieben arbeiteten, in belasteten Wohngebieten lebten, Umweltprobleme wahrnahmen oder den Wegzug von Freunden und Familienmitgliedern erlebt haben, sollen ihre Erinnerungen beitragen.
Gerade solche Berichte sind historisch wertvoll. Sie zeigen, wie sich politische und wirtschaftliche Entscheidungen im Alltag tatsächlich ausgewirkt haben.
Wie roch die Luft in Industrienähe? Wie sahen Flüsse und Wälder aus? Wie war die Arbeit in den großen Betrieben organisiert? Welche Zukunftsvorstellungen hatten junge Menschen? Und wann begann das Gefühl, dass viele die Region verlassen könnten?
Solche Fragen lassen sich aus Akten allein nur schwer beantworten.
Robur, Textilindustrie und Kraftwerk prägten die Region
Zittau und das Dreiländereck waren jahrzehntelang industriell geprägt. Die Robur-Werke standen für Fahrzeugbau, zahlreiche Textilbetriebe für eine jahrhundertealte Produktionskultur. Hinzu kamen Chemieindustrie, Braunkohle und Energieerzeugung.
Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt der Museen möchte genau diese Lebenswelt dokumentieren. Der offizielle Aufruf nennt ausdrücklich die Industrialisierung, die Robur-Werke, die Textil- und Chemieindustrie, den Braunkohletagebau und das Kraftwerk Hirschfelde als zentrale Themenfelder.
Damit geht es nicht nur um nostalgische Erinnerungen an frühere Arbeitsplätze. Es geht auch um Umweltfolgen, politische Rahmenbedingungen und die Frage, welche Spuren diese Zeit bis heute hinterlassen hat.
Umweltbelastung gehört zur Geschichte
Die industrielle Vergangenheit der Region war wirtschaftlich wichtig, hatte aber auch ihren Preis. Die Museen nennen ausdrücklich die massive Umweltbelastung als Teil des Forschungsprojektes.
Für viele Menschen in der Region waren schlechte Luft, verschmutzte Gewässer, Ruß und industrielle Gerüche Teil des Alltags. Heute wirken manche Erinnerungen daran beinahe unwirklich. Umso wichtiger ist es, sie zu dokumentieren, bevor Zeitzeugen nicht mehr berichten können.
Geschichte besteht nicht nur aus politischen Beschlüssen. Sie besteht auch aus Gerüchen, Geräuschen, Arbeitswegen, Schichtsystemen, Krankheiten, Familiengeschichten und persönlichen Entscheidungen.
Auch frühe Abwanderung soll untersucht werden
Besonders interessant ist, dass sich das Projekt auch mit den frühen Abwanderungsbewegungen beschäftigt. Die Abwanderung aus der Oberlausitz wird oft vor allem mit den Jahren nach 1990 verbunden.
Die Museen wollen jedoch offenbar auch untersuchen, welche Entwicklungen bereits in der späten DDR-Zeit sichtbar waren und welche persönlichen Erfahrungen Menschen damals gemacht haben.
Damit könnte das Projekt helfen, ein differenzierteres Bild der regionalen Geschichte zu zeichnen.
Warum Zeitzeugen jetzt wichtig sind
Viele Menschen, die die 1970er- und 1980er-Jahre als Erwachsene erlebt haben, sind heute im Rentenalter. Erinnerungen, private Fotos, Dokumente und persönliche Geschichten drohen verloren zu gehen.
Deshalb ist der Aufruf der Museen wichtig. Regionale Geschichte darf nicht erst dann gesammelt werden, wenn niemand mehr erzählen kann, wie es wirklich war.
Für Zittau ist das Projekt eine Chance, die eigene Vergangenheit ehrlich zu betrachten: mit Stolz auf industrielle Leistungen, aber auch mit einem kritischen Blick auf Umweltzerstörung, politische Zwänge und gesellschaftliche Brüche.
Kommentar
Die Geschichte der Oberlausitz wurde nicht nur in Dresden oder Berlin geschrieben. Sie wurde in Werkhallen, Kraftwerken, Textilbetrieben, Tagebauen und Wohngebieten geschrieben.
Menschen haben dort gearbeitet, Familien gegründet, Krankheiten erlebt, Hoffnung gehabt und später vielleicht ihre Heimat verlassen.
Genau deshalb ist dieser Zeitzeugenaufruf wichtig.
Zu oft wird über die DDR entweder verklärt oder pauschal gesprochen. Die Realität war komplizierter. Es gab Arbeit und Gemeinschaft, aber auch Umweltzerstörung, politische Enge und wirtschaftliche Probleme. Es gab Stolz auf Betriebe – und gleichzeitig Angst vor der Zukunft.
Diese Widersprüche gehören zur Geschichte Zittaus.
Wer Erinnerungen hat, sollte sie teilen. Denn wenn die letzten Zeitzeugen schweigen, bleiben irgendwann nur noch Akten – und Akten erzählen niemals die ganze Wahrheit.


