Staatsgeheimnis Zittwerke: Zittau arbeitet dunkles NS-Kapitel auf

Zittau. Es ist eines der düstersten und zugleich geheimnisvollsten Kapitel der Zittauer Stadtgeschichte: die Zittwerke. Unter dem Titel „Staatsgeheimnis! Die Zittwerke. Ein Rüstungskonzern im Nationalsozialismus“ arbeiten die Städtischen Museen Zittau die Geschichte eines streng abgeschirmten Rüstungsprojekts auf, das bis heute Fragen, Mythen und offene Wunden hinterlassen hat.

Die Zittwerke waren ein Tarnunternehmen der Junkers Flugzeugwerke aus Dessau. In der Region Zittau wurden während des Zweiten Weltkriegs neuartige Jumo-004-Strahltriebwerke für die Me 262, das düsengetriebene Jagdflugzeug der Wehrmacht, hergestellt. Die Städtischen Museen Zittau wollen mit ihrem Projekt Klarheit in die vielen Fragen rund um diesen Komplex bringen.

Rüstungsproduktion unter Tarnung

Die Verlagerung der Produktion in den Zittauer Raum war eine Reaktion auf die Bombardierungen in Mitteldeutschland. 1943 und 1944 wurde der Produktionskomplex mit großem Aufwand ausgebaut. Dafür wurden Fabriken beschlagnahmt, und eine Kaserne in Kleinschönau, dem heutigen Sieniawka in Polen, wurde zum Kern des Areals umgebaut.

Was heute wie ein regionales Spezialthema klingt, war damals Teil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Die Zittwerke standen für Geheimhaltung, Rüstung, Zwangsarbeit und den Versuch des NS-Regimes, mit sogenannten Wunderwaffen den Krieg noch zu wenden.

Zwangsarbeit und menschliches Leid

Besonders schwer wiegt der Einsatz von Zwangsarbeitern. In den Zittwerken arbeiteten nach historischen Darstellungen unterschiedliche Gruppen: Stammarbeiter von Junkers, europäische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene sowie jüdische Zwangsarbeiterinnen aus dem KZ-System Groß-Rosen. Bei einem Vortrag über die Zittwerke war von bis zu 5.000 betroffenen Personen die Rede.

Damit ist die Geschichte der Zittwerke nicht nur Industriegeschichte. Sie ist auch Leidensgeschichte. Hinter den Produktionszahlen standen Menschen, die unter Zwang, Angst und unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten.

Zwischen Fakten und Mythen

Bis heute ranken sich um die Zittwerke zahlreiche Erzählungen. Besonders die Anlagen im Raum Zittau, Großporitsch/Porajów und Sieniawka wurden immer wieder mit Spekulationen über unterirdische Produktionsstätten, geheime Bauten und verborgene Anlagen verbunden. Genau hier setzt das Projekt der Städtischen Museen Zittau an.

Die Museen betonen, dass es um eine faktenbasierte Darstellung geht. Ziel ist es, Mythen auf deutscher und polnischer Seite herauszuarbeiten und historische Quellen auszuwerten. Als erstes Ergebnis liegt eine Publikation vor, die unter anderem auch das Tagebuch einer Zwangsarbeiterin ediert.

Ausstellung ab November 2026

Die Städtischen Museen Zittau bereiten dazu eine Ausstellung vor. Sie soll ab 14. beziehungsweise 15. November 2026 unter dem Titel „Staatsgeheimnis! Die Zittwerke. Ein NS-Rüstungskonzern im Nationalsozialismus“ gezeigt werden. Bereits im Vorfeld gibt es Vorträge, Führungen, Exkursionen und Begleitprogramme.

Damit wird das Thema nicht nur archiviert, sondern öffentlich zugänglich gemacht. Gerade für Zittau ist das wichtig. Denn die Geschichte der Zittwerke liegt nicht irgendwo weit entfernt, sondern direkt im regionalen Gedächtnis des Dreiländerecks.

Warum Zittau hinschauen muss

Die Aufarbeitung der Zittwerke ist unbequem. Sie führt in eine Zeit, in der die Region Teil der nationalsozialistischen Rüstungsmaschinerie war. Sie erinnert an Zwangsarbeit, Ausbeutung und industrielle Kriegsproduktion. Und sie zeigt, dass auch vermeintlich abgelegene Orte tief in die Großverbrechen des 20. Jahrhunderts eingebunden waren.

Für Zittau bietet das Projekt aber auch eine Chance. Wer Geschichte ernst nimmt, darf sie nicht verklären. Zwischen Gerüchten, Familienerzählungen, Ruinen und Mythen braucht es Forschung, Quellen und klare Worte.

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