„Israel hat die USA in den Krieg getrieben“ – Deitelhoff warnt vor globaler Eskalation

Konfliktforscherin warnt vor globaler Eskalation

Zittau/Berlin, 22. Juni 2025 – Der Einstieg der USA in den militärischen Konflikt mit dem Iran markiert eine dramatische Wende in der Nahost-Krise. Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Direktorin der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und Professorin an der Universität Frankfurt, erhebt schwere Vorwürfe gegen die israelische Regierung – und warnt vor einer gefährlichen Erosion des Völkerrechts. Im Interview mit tagesschau24 bezeichnet sie das amerikanische Eingreifen als „völkerrechtswidrig“ und spricht von einem Angriffskrieg, in den die Vereinigten Staaten regelrecht „hineingetrieben“ worden seien.

Ein Bruch mit internationalem Recht

„Wir erleben hier den nächsten Schritt in einer Entwicklung, bei der das internationale Gewaltverbot zunehmend missachtet wird“, erklärt Deitelhoff. Nach ihrer Einschätzung haben die Vereinigten Staaten mit der Bombardierung iranischer Atomanlagen die Schwelle zu einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überschritten – und dies, ohne dass eine unmittelbare Bedrohung oder ein Mandat des UN-Sicherheitsrates vorgelegen hätte.

Israel, das den ursprünglichen Präventivschlag gegen iranische Ziele ohne internationale Rückendeckung begann, habe durch sein Handeln die USA vor ein Dilemma gestellt: Entweder tatenlos zusehen und damit riskieren, dass der israelische Angriff ins Leere läuft – oder militärisch mitwirken, um einen strategischen Erfolg zu sichern. Die Entscheidung der US-Regierung, sich dem israelischen Vorgehen anzuschließen, sei aus völkerrechtlicher Sicht hochproblematisch.

Israelisches Kalkül – Amerikanisches Dilemma

Besonders brisant ist laut Deitelhoff, dass Israel die USA nicht im Vorfeld in seine Pläne eingebunden habe. „Nach allem, was wir wissen, wurde die US-Regierung durch Israels Entscheidung überrascht“, so die Wissenschaftlerin. Zum Zeitpunkt des Angriffs befand sich Washington noch in diplomatischen Gesprächen mit Teheran – über eine mögliche Begrenzung des iranischen Atomprogramms.

Als Israel die USA dann kurzfristig informierte, sei für Washington eine strategische Notlage entstanden: Ohne Unterstützung durch amerikanische Präzisionswaffen wäre ein israelischer Angriff militärisch wohl ineffektiv geblieben – mit dem Risiko, dass der Iran sein Atomprogramm nicht nur fortsetzt, sondern mit noch größerer Geschwindigkeit militarisiert. Das amerikanische Eingreifen diene daher vor allem einem Ziel: Israels Operation im Nachhinein doch noch erfolgreich erscheinen zu lassen. „In gewisser Weise“, so Deitelhoff, „hat Israel die USA in diesen Krieg hineingezogen.“

Heikler Balanceakt für Präsident Trump

Im eigenen Land stößt der Angriff auf breite Ablehnung – selbst innerhalb der republikanischen Basis. „Vor allem viele Unterstützer von Präsident Trump lehnen eine weitere militärische Verwicklung ab“, betont Deitelhoff. Die USA seien kriegsmüde, die Bevölkerung wolle keine neuen Konflikte, schon gar nicht in einer Region, in der frühere Einsätze – wie im Irak und Afghanistan – schmerzliche Spuren hinterlassen haben.

Trotz dieser Widerstände habe sich Trump zu einem massiven Militärschlag entschlossen – jedoch offenbar ohne strategische Langfristplanung. „Wenn man Trumps Äußerungen analysiert, könnte man meinen, er gehe davon aus, dass mit der Bombardierung von drei iranischen Anlagen die Angelegenheit erledigt sei. Das ist jedoch hochgradig unrealistisch“, warnt Deitelhoff.

Iranische Gegenreaktion wahrscheinlich

Die Konfliktforscherin geht fest davon aus, dass der Iran auf die Angriffe reagieren wird – möglicherweise mit dramatischen Folgen für die gesamte Region. Zu den wahrscheinlichsten Optionen zählen Angriffe auf US-Stützpunkte im Nahen Osten, Operationen proiranischer Milizen im Irak sowie Raketenangriffe durch die Huthi-Rebellen im Jemen. Jede dieser Reaktionen könnte eine neue Eskalationsspirale in Gang setzen – und Washington tiefer in einen Krieg ziehen, für den es keinen klaren Plan zu geben scheint.

Europa unter Druck

Für Europa bedeuten diese Entwicklungen eine enorme außenpolitische Belastung. „Die Europäische Union ist auf ein funktionierendes Völkerrechtssystem angewiesen – gerade weil sie im globalen Machtgefüge keine militärische Supermacht ist“, erklärt Deitelhoff. Der Bruch mit der UN-Charta und die politische Akzeptanz von Angriffskriegen seien daher nicht nur ein moralisches, sondern auch ein sicherheitspolitisches Problem für Deutschland und die EU insgesamt.

Fazit: Wenn Recht durch Macht ersetzt wird

Der Einstieg der USA in den Israel-Iran-Konflikt ist mehr als eine taktische Militäraktion – er ist ein fundamentaler Angriff auf die Prinzipien des modernen Völkerrechts. Israel hat mit seinem Alleingang eine gefährliche Dynamik ausgelöst, in die Washington hineingezogen wurde. Ob die USA das strategische Kalkül hinter dieser Entscheidung kontrollieren können, bleibt fraglich. Eines aber ist klar: Die internationale Ordnung befindet sich an einem gefährlichen Wendepunkt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Aktuelle Nachrichten

Folg uns

Folg uns auf Social Media

Verpasse keine News und Updates – folge uns jetzt!

Täglich aktuelle Nachrichten aus Zittau, der Oberlausitz und ganz Deutschland

Zittauer Zeitung | Echt. Lokal. Digital.