Zittau. Zu spät, zu voll oder gar nicht unterwegs: Immer mehr Fahrgäste aus Zittau äußern Kritik an den Bahnverbindungen nach Dresden und Görlitz.
Besonders Pendler und regelmäßige Reisende berichten von Verspätungen, Zugausfällen und überfüllten Trilex-Zügen. Der Frust wächst, weil die Bahnverbindung für viele Menschen aus Zittau und dem Umland keine Freizeitfrage ist, sondern Teil ihres täglichen Arbeits- und Schulweges.
Eine aktuelle MDR-Recherche vom 10. Juli 2026 greift die Beschwerden von Zittauer Fahrgästen auf. Dabei zeigt sich: Die Kritik lässt sich zumindest teilweise auch mit Zahlen und strukturellen Problemen erklären.
Fahrgäste berichten von ständigen Problemen
Auslöser der aktuellen Debatte sind Beschwerden von Reisenden aus Zittau.
Eine Zittauerin berichtete dem MDR, dass sie über einen längeren Zeitraum regelmäßig nach Dresden gefahren sei und dabei häufig unpünktliche Züge erlebt habe. Auch auf der Verbindung nach Görlitz habe es immer wieder Ausfälle gegeben. Andere Fahrgäste beklagen vor allem fehlende Triebwagen und dadurch überfüllte Züge.
Das Problem ist nicht neu.
Bereits Anfang 2026 hatte die Länderbahn wegen ungewöhnlich vieler Fahrzeugausfälle auf den Verbindungen zwischen Dresden, Görlitz und Zittau vor geringeren Platzkapazitäten gewarnt. Damals erklärte das Unternehmen, dass beschädigte Fahrzeuge und fehlende Ersatzteile die Situation verschärften.
Trilex-Züge waren zwischen Januar und Mai zu 85 Prozent pünktlich
Die Länderbahn, die die Verbindung zwischen Zittau und Dresden unter der Marke Trilex betreibt, nennt für die ersten fünf Monate des Jahres 2026 eine durchschnittliche Pünktlichkeit von 85 Prozent.
Zwischen Januar und Mai seien außerdem 1,5 Prozent aller Zugkilometer ausgefallen.
Diese Zahlen zeigen einerseits, dass die überwiegende Mehrheit der Züge fährt und statistisch als pünktlich gilt.
Andererseits bedeutet eine Pünktlichkeitsquote von 85 Prozent auch:
Ein erheblicher Teil der Verbindungen erfüllt die zeitlichen Erwartungen der Fahrgäste nicht.
Für einen gelegentlichen Ausflügler ist eine Verspätung ärgerlich.
Für Pendler kann sie Folgen haben:
verpasste Anschlüsse,
verspäteter Arbeitsbeginn,
Probleme bei Schichtwechseln,
verpasste Termine
oder längere Wartezeiten am Bahnhof.
Infrastruktur ist häufigste Ursache für Störungen
Nach Angaben der Länderbahn sind Probleme mit der Bahninfrastruktur die häufigste Ursache für Verspätungen und Zugausfälle.
Genannt werden unter anderem:
Schäden im Gleisbereich,
Weichenstörungen,
umgestürzte Bäume,
Baumaßnahmen
und Störungen der Signaltechnik.
Für die Schieneninfrastruktur ist die DB InfraGO zuständig.
Das zeigt ein grundsätzliches Problem des deutschen Bahnverkehrs:
Fährt ein Zug zu spät, ist dafür nicht immer allein das jeweilige Eisenbahnunternehmen verantwortlich.
Die Ursachen können bei Fahrzeugen, Personal, Leit- und Sicherungstechnik oder der eigentlichen Strecke liegen.
Für den Fahrgast ist diese Trennung allerdings zweitrangig.
Er möchte von Zittau nach Dresden fahren und pünktlich ankommen.
Strecke nach Görlitz ebenfalls störanfällig
Auch die Bahnverbindung zwischen Zittau und Görlitz ist immer wieder von Problemen betroffen.
Die Strecke wird von der ODEG bedient.
Nach Angaben des Unternehmens kommt es auf dem Abschnitt regelmäßig zu baubedingten Einschränkungen. Im Durchschnitt würden dort etwa zwei Wochen pro Monat Bauarbeiten stattfinden.
Zusätzlich gebe es wiederholt Störungen an der Leit- und Sicherungstechnik, sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite der Strecke. Diese Probleme führten laut ODEG immer wieder zu Verspätungen und einzelnen Zugausfällen.
Die Situation bleibt auch im Juli angespannt.
Für den Zeitraum vom 14. bis 27. Juli 2026 kündigt die ODEG wegen Bauarbeiten der DB InfraGO einen vollständigen Zugausfall im Abschnitt Görlitz–Zittau an.
Damit wird die aktuelle Diskussion für viele Fahrgäste unmittelbar praktisch.
Zu wenig Fahrzeuge für deutlich mehr Fahrgäste
Einer der wichtigsten Punkte der aktuellen Debatte ist die Kapazität der Trilex-Züge.
Die Länderbahn verfügt im Ostsachsennetz nach eigenen Angaben über 28 Triebwagen.
Vier davon sind als Reserve vorgesehen.
Doch Hauptuntersuchungen und Schäden an mehreren Fahrzeugen haben diese Reserve zeitweise aufgebraucht.
Die Folge:
Schon kleinere zusätzliche Störungen können den Betrieb beeinflussen.
Das eigentliche Problem geht jedoch noch tiefer.
Die heutige Fahrzeugflotte wurde nach Angaben der Länderbahn auf Grundlage des Bedarfs von vor elf Jahren geplant.
Seitdem hat sich die Nachfrage deutlich verändert.
70 Prozent mehr Fahrgäste als früher
Nach Angaben der Länderbahn gibt es heute rund 70 Prozent mehr Fahrgäste als zum Zeitpunkt der ursprünglichen Flottenplanung.
Als einen Grund nennt das Unternehmen auch das Deutschlandticket.
Zu den Hauptverkehrszeiten am Morgen und Nachmittag seien zwischen Dresden und der Oberlausitz sogar mehr als doppelt so viele Reisende unterwegs wie früher.
Damit entsteht ein offensichtlicher Widerspruch:
Mehr Menschen sollen und wollen den öffentlichen Nahverkehr nutzen.
Gleichzeitig sind viele Züge weiterhin auf eine deutlich geringere Nachfrage ausgelegt.
Die Folge ist besonders zu Stoßzeiten sichtbar.
Fahrgäste stehen.
Fahrräder können nicht überall mitgenommen werden.
Züge fahren mit weniger Wagen als erwartet.
Und jeder Fahrzeugausfall verschärft das Problem.
Fahrradmitnahme bereits eingeschränkt
Die Fahrzeugknappheit hat inzwischen konkrete Folgen.
Seit dem 8. Juni 2026 ist die Fahrradmitnahme in Trilex-Zügen während der Stoßzeiten zwischen Dresden Hauptbahnhof und Bischofswerda eingeschränkt beziehungsweise untersagt worden.
Die Länderbahn begründet dies mit den verfügbaren Kapazitäten.
Für eine touristisch geprägte Region wie die Oberlausitz ist das keine Kleinigkeit.
Radfahrer gehören zu einer wichtigen touristischen Zielgruppe.
Wenn Bahn und Fahrrad kombiniert werden sollen, müssen dafür auch ausreichende Kapazitäten vorhanden sein.
Fünf zusätzliche Triebwagen kommen erst Ende 2027
Eine kurzfristige Lösung ist nicht zu erwarten.
Die Länderbahn hat fünf weitere Fahrzeuge bestellt.
Diese sollen Mitte 2027 nach Ostsachsen kommen und nach einer notwendigen Aufbereitung voraussichtlich bis Dezember 2027 eingesetzt werden.
Bis dahin muss das Unternehmen weitgehend mit der vorhandenen Flotte arbeiten.
Für Fahrgäste bedeutet das:
Das Kapazitätsproblem dürfte nicht in wenigen Wochen verschwinden.
Zittaus Oberbürgermeister fordert verlässliche Bahn
Auch Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker hat sich in die Diskussion eingeschaltet.
Er macht deutlich, dass Pendler und Schüler auf eine funktionierende Bahnverbindung angewiesen seien.
Zenker sieht Zittau grundsätzlich gut an den öffentlichen Verkehr angebunden, erwartet aber eine zuverlässige Verbindung insbesondere in Richtung Dresden.
Genau hier liegt der Kern der Debatte.
Zittau besitzt Bahnverbindungen in mehrere Richtungen.
Doch eine Verbindung ist nur dann attraktiv, wenn sie ausreichend zuverlässig und planbar ist.
Braucht Zittau eine zweite Bahnroute Richtung Norden?
Aus der aktuellen Kritik entsteht deshalb erneut eine ältere Diskussion:
Sollte die Bahnstrecke von Zittau über Herrnhut nach Löbau wieder in Betrieb genommen werden?
Befürworter sehen darin mehrere Vorteile.
Eine reaktivierte Strecke könnte:
Herrnhut wieder an den Bahnverkehr anbinden,
eine zusätzliche Verbindung Richtung Löbau schaffen,
die Region touristisch stärken,
neue Direktverbindungen ermöglichen
und langfristig als alternative Route bei Störungen dienen.
Der Verein Pro Herrnhuter Bahn setzt sich seit Jahren für eine Wiederbelebung der Verbindung ein. Die frühere Strecke war bis 1998 im regulären Betrieb.
Zenker hat Sympathien für die Herrnhuter Bahn
Auch Oberbürgermeister Thomas Zenker hält die Idee grundsätzlich für sinnvoll.
Er erklärte, dass eine solche Verbindung den Gesamtverkehr der Region verbessern könnte.
Der Verkehrsverbund ZVON beurteilt die kurzfristigen Chancen allerdings deutlich zurückhaltender.
Nach Angaben des Verbundes bestehen derzeit nur geringe Möglichkeiten für eine schnelle Wiederaufnahme des Bahnverkehrs zwischen Zittau und Löbau.
Andere Bahnprojekte haben Vorrang
Die Strecke wird zwar vom Freistaat Sachsen im Zusammenhang mit möglichen Reaktivierungen betrachtet.
Doch selbst bei einer positiven Bewertung müsste sie sich gegen andere Bahnprojekte durchsetzen.
Als höher priorisierte Vorhaben werden unter anderem der Ausbau und die Elektrifizierung der Verbindung Dresden–Görlitz sowie weitere wichtige Schienenprojekte in Sachsen genannt.
Damit bleibt die Herrnhuter Bahn zunächst ein Zukunftsprojekt.
Doch die aktuelle Debatte zeigt:
Die Frage nach alternativen Bahnverbindungen ist nicht verschwunden.
Eine Strecke allein löst das Fahrzeugproblem nicht
Bei aller Begeisterung für eine Reaktivierung muss allerdings eines klar bleiben:
Eine zusätzliche Bahnstrecke löst nicht automatisch das Problem fehlender Fahrzeuge.
Auch eine reaktivierte Strecke braucht:
Züge,
Lokführer,
Bestellungen durch den Verkehrsverbund,
finanzierte Fahrpläne
und moderne Infrastruktur.
Trotzdem könnte eine zusätzliche Strecke langfristig die Widerstandsfähigkeit des regionalen Netzes erhöhen.
Wenn heute eine der wenigen Hauptverbindungen gestört ist, gibt es kaum Alternativen auf der Schiene.
Das ist gerade für eine Grenzregion problematisch.
Zittau liegt verkehrsgeografisch weiter entfernt als es auf der Karte aussieht
Die Entfernung zwischen Zittau und Dresden ist auf der Landkarte überschaubar.
Im Alltag empfinden viele Menschen die Verbindung jedoch als deutlich schwieriger.
Wer regelmäßig pendelt, misst Entfernung nicht in Kilometern.
Er misst sie in:
Fahrzeit,
Umstiegen,
Verspätungen
und Zuverlässigkeit.
Eine Bahnverbindung kann offiziell gut aussehen.
Wenn sie aber regelmäßig als unzuverlässig wahrgenommen wird, verliert sie an Attraktivität.
Besonders junge Menschen brauchen zuverlässige Verbindungen
Für Zittau ist das Thema Bahn auch eine Standortfrage.
Junge Menschen studieren in Dresden, Bautzen, Görlitz oder anderen Städten.
Arbeitnehmer pendeln.
Unternehmen suchen Fachkräfte.
Touristen reisen in die Oberlausitz.
Für all diese Gruppen ist Erreichbarkeit entscheidend.
Eine Region kann nicht gleichzeitig neue Einwohner, Studenten und Fachkräfte gewinnen wollen und schlechte Verkehrsverbindungen als unveränderlich hinnehmen.
Die Grenzlage macht das Netz besonders kompliziert
Zittau liegt in einer besonderen geografischen Lage.
Bahnverbindungen führen nicht nur durch Deutschland.
Teile des regionalen Netzes verlaufen über polnisches und tschechisches Gebiet.
Das schafft Chancen für grenzüberschreitenden Verkehr.
Es macht das Netz aber auch technisch und organisatorisch anspruchsvoller.
Gerade auf der Verbindung nach Görlitz können Störungen auf unterschiedlichen Streckenabschnitten und in verschiedenen Infrastruktursystemen Auswirkungen auf den gesamten Verkehr haben.
Fahrgäste wollen keine Zuständigkeitsdebatten
Für Unternehmen und Behörden ist es wichtig zu unterscheiden:
Wer besitzt die Strecke?
Wer betreibt den Zug?
Wer bestellt den Verkehr?
Wer ist für Signale zuständig?
Wer finanziert neue Fahrzeuge?
Für den Fahrgast ist das anders.
Er kauft eine Fahrkarte und erwartet eine funktionierende Verbindung.
Genau deshalb ist es problematisch, wenn die Verantwortung zwischen mehreren Stellen verteilt ist, aber der Fahrgast am Ende mit der Verspätung allein bleibt.
Die Region braucht mehr als Versprechungen
Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt:
Die Nachfrage nach Bahnverkehr ist vorhanden.
Die Länderbahn selbst spricht von 70 Prozent mehr Fahrgästen als bei der Planung der aktuellen Flotte.
Das ist eigentlich eine Erfolgsmeldung.
Doch ein erfolgreiches Angebot muss mit der Nachfrage wachsen.
Wenn immer mehr Menschen Bahn fahren, aber die Zahl der Fahrzeuge nicht mithält, entsteht aus einem Erfolg schnell Frust.
Fazit
Die Beschwerden von Zittauer Bahnfahrgästen sind mehr als subjektiver Ärger.
Die aktuellen Zahlen und Aussagen der Betreiber zeigen mehrere strukturelle Probleme:
Die Trilex-Züge erreichten zwischen Januar und Mai 2026 im Durchschnitt eine Pünktlichkeit von 85 Prozent.
1,5 Prozent der Zugkilometer fielen aus.
Die Zahl der Fahrgäste liegt nach Angaben der Länderbahn rund 70 Prozent über dem Niveau, für das die Flotte ursprünglich geplant wurde.
Zu Stoßzeiten hat sich die Nachfrage teilweise mehr als verdoppelt.
Fünf zusätzliche Triebwagen sollen erst bis Ende 2027 einsatzbereit sein.
Auch auf der Verbindung Zittau–Görlitz sorgen Bauarbeiten und technische Störungen immer wieder für Einschränkungen.
Die Diskussion um die Herrnhuter Bahn wird deshalb weitergehen.
Nicht weil eine alte Strecke romantisch klingt.
Sondern weil eine ganze Region darüber diskutiert, wie sie künftig zuverlässig mit Dresden, Görlitz, Löbau und ihren Nachbarländern verbunden sein will.
Kommentar: Wer mehr Menschen in die Bahn bringen will, muss Platz schaffen
Seit Jahren hören die Bürger:
Fahrt mehr Bahn.
Nutzt den öffentlichen Nahverkehr.
Lasst das Auto stehen.
Doch wer Menschen zum Umsteigen bewegen will, muss ihnen auch ein Angebot machen, auf das sie sich verlassen können.
Ein überfüllter Zug ist kein Zeichen dafür, dass die Bahn nicht gebraucht wird.
Im Gegenteil.
Er zeigt, dass die Nachfrage da ist.
Wenn eine Fahrzeugflotte für den Bedarf von vor elf Jahren geplant wurde und heute 70 Prozent mehr Menschen fahren, dann muss die Konsequenz eigentlich klar sein:
Das Angebot muss wachsen.
Nicht irgendwann in einer fernen Zukunft.
Sondern so schnell wie technisch und finanziell möglich.
Die Menschen in Zittau dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass Verkehrswende nur bedeutet, das Auto stehen zu lassen und anschließend auf einem überfüllten Bahnsteig auf einen verspäteten Zug zu warten.
Und auch die Herrnhuter Bahn sollte nicht vorschnell als nostalgische Idee abgetan werden.
Eine Grenzregion braucht robuste Verkehrswege.
Wer Zittau stärken will, muss dafür sorgen, dass man zuverlässig hin- und wieder wegkommt.


