Seltenes Bürgerhaus in Zittau gerettet: In die Böhmische Straße 19 zieht neues Leben ein

Zittau. Jahrzehntelang war die Zukunft eines der interessantesten historischen Bürgerhäuser der Zittauer Innenstadt unsicher. Nun zeichnet sich ein gutes Ende ab.

Das denkmalgeschützte Gebäude Böhmische Straße 19 ist vor dem weiteren Verfall gerettet worden.

Hinter der vergleichsweise unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein Gebäude mit außergewöhnlicher Geschichte.

Die Kelleranlage reicht bis in das späte 13. Jahrhundert zurück. Das Haus selbst wurde über mehrere Jahrhunderte verändert und besitzt Bauteile und Raumstrukturen aus verschiedenen historischen Epochen. Besonders prägend sind Veränderungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Architekt Clemens Hauptmann hat sich der schwierigen Aufgabe gestellt, das Gebäude zu retten und wieder nutzbar zu machen. Die Sanierung und Erweiterung des Wohn- und Geschäftshauses läuft seit 2023 und ist nach Angaben des beteiligten Architekturbüros für den Zeitraum bis 2026 vorgesehen.

Eines der schwierigsten Häuser der Innenstadt

Noch vor wenigen Jahren galt die Böhmische Straße 19 als eines der baufälligsten Häuser der Zittauer Innenstadt.

Gleichzeitig war Fachleuten klar, dass es sich nicht um irgendeinen Altbau handelt.

Das Gebäude besitzt eine ungewöhnlich gut erhaltene historische Struktur und dokumentiert mehrere Jahrhunderte Zittauer Baugeschichte.

Gerade darin lag die Schwierigkeit.

Ein Abriss und einfacher Neubau wäre technisch einfacher gewesen.

Doch dann wäre ein weiteres Stück der historischen Innenstadt verloren gegangen.

Stattdessen fiel die Entscheidung für eine aufwendige Sanierung.

Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück

Besonders bemerkenswert ist die Kelleranlage.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beziehungsweise des Tags des offenen Denkmals reicht sie in das späte 13. Jahrhundert zurück.

Das bedeutet:

Teile der Geschichte dieses Grundstücks reichen bis in die frühe Entwicklung der mittelalterlichen Stadt Zittau zurück.

Das Haus selbst erlebte später mehrere Veränderungen.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde es umgebaut und erweitert.

Dabei entstanden Elemente der Spätrenaissance und des Barock.

Die innere Grundrissstruktur von Erd- und Obergeschoss wird auf die Zeit nach dem Stadtbrand von 1608 zurückgeführt. Ausbauten um 1760 blieben nach den veröffentlichten Denkmaldaten ungewöhnlich weitgehend erhalten.

Gerade die fehlenden Modernisierungen wurden zum Vorteil

Was lange als Nachteil erschien, wurde am Ende zum denkmalpflegerischen Wert.

Viele alte Häuser wurden im Laufe der Jahrzehnte mehrfach modernisiert.

Wände wurden entfernt.

Decken verändert.

Treppen ersetzt.

Fenster vergrößert.

Historische Ausstattungen verschwanden.

Bei der Böhmischen Straße 19 blieb offenbar ungewöhnlich viel historische Struktur erhalten.

Das machte das Haus zwar nicht einfacher zu sanieren.

Aber es machte seine Rettung umso bedeutender.

Ein Haus als Geschichtsbuch

Historische Gebäude sind mehr als alte Mauern.

An ihnen lässt sich ablesen, wie Menschen in verschiedenen Jahrhunderten gebaut, gewohnt und gearbeitet haben.

Genau das macht die Böhmische Straße 19 besonders interessant.

In einem einzigen Gebäude treffen verschiedene Zeiten aufeinander:

mittelalterliche Keller,

spätere Grundrisse,

Renaissanceelemente,

barocke Einbauten

und spätere Veränderungen.

Das Haus ist deshalb fast wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch.

Sanierung wurde zur Herausforderung

Die Rettung war allerdings schwieriger als ursprünglich gedacht.

Bereits frühere Berichte über die Baustelle machten deutlich, dass unerwartete Schäden und zusätzliche Kosten die Sanierung erschwerten. Der Bauherr wollte möglichst viel vom historischen Zustand erhalten, musste aber gleichzeitig mit der tatsächlichen Tragfähigkeit und dem Zustand einzelner Bauteile umgehen.

Das ist bei historischen Gebäuden ein bekanntes Problem.

Von außen lässt sich häufig nicht erkennen, was sich hinter Putz, Verkleidungen oder späteren Einbauten verbirgt.

Erst während der Arbeiten wird sichtbar:

welche Balken beschädigt sind,

wo Feuchtigkeit eingedrungen ist,

welche Konstruktionen noch tragfähig sind

und welche Teile ersetzt werden müssen.

Hinterhaus musste teilweise neu aufgebaut werden

Die aktuelle Sanierung zeigt deshalb auch den notwendigen Kompromiss zwischen Erhaltung und technischer Realität.

Das Hinterhaus wurde überwiegend neu aufgebaut, während beim historischen Vorderhaus möglichst viel Originalsubstanz bewahrt werden sollte.

Das ist ein typisches Spannungsfeld des Denkmalschutzes.

Eine vollständige museale Konservierung ist bei einem künftig genutzten Wohn- und Geschäftshaus kaum möglich.

Gleichzeitig darf eine Sanierung nicht dazu führen, dass am Ende nur noch eine historische Fassade vor einem vollständigen Neubau steht.

Die Herausforderung besteht darin, beides miteinander zu verbinden:

Geschichte und Nutzung.

Künftig wieder Wohn- und Geschäftshaus

Das Sanierungsprojekt wird vom beteiligten Architekturbüro als Sanierung und Erweiterung eines historischen Wohn- und Geschäftshauses geführt.

Damit soll das Gebäude nicht nur gerettet, sondern wieder dauerhaft genutzt werden.

Das ist für die Zittauer Innenstadt besonders wichtig.

Denn Denkmalschutz funktioniert langfristig am besten, wenn ein Gebäude eine sinnvolle Nutzung hat.

Ein dauerhaft leeres Haus verursacht Kosten.

Es wird nicht beheizt.

Schäden werden spät entdeckt.

Und notwendige Reparaturen werden häufig immer weiter aufgeschoben.

Nutzung ist deshalb oft der beste Schutz eines Denkmals.

Zittau hat bereits viele historische Häuser verloren

Die Rettung der Böhmischen Straße 19 ist auch deshalb bedeutsam, weil Zittau in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche historische Gebäude verloren hat.

Gerade in der Altstadt wurden seit der politischen Wende viele Baudenkmale abgebrochen. Darunter befanden sich auch barocke Bürgerhäuser und Renaissancebauten.

Jeder Abriss verändert das Stadtbild dauerhaft.

Ein fehlendes Haus ist nicht nur eine freie Grundstücksfläche.

Es zerstört häufig:

historische Straßenräume,

geschlossene Häuserzeilen,

Proportionen

und gewachsene Sichtachsen.

Deshalb zählt jedes gerettete Bürgerhaus.

Böhmische Straße ist Teil des historischen Stadtkerns

Die Böhmische Straße gehört zu den historisch bedeutenden Straßen der Zittauer Innenstadt.

Entlang der Straße stehen mehrere denkmalgeschützte Gebäude unterschiedlicher Epochen. Die Böhmische Straße 19 ist als städtebaulich und baugeschichtlich bedeutendes giebelständiges Haus aus dem 16. Jahrhundert mit späteren Veränderungen erfasst.

Das einzelne Gebäude ist deshalb nicht isoliert zu betrachten.

Es ist Teil eines größeren historischen Ensembles.

Wird ein Haus gerettet, profitiert die ganze Straßenzeile.

Private Bauherren spielen entscheidende Rolle

Die Sanierung zeigt zugleich, wie wichtig private Eigentümer für den Erhalt historischer Innenstädte sind.

Kommunen können nicht jedes gefährdete Gebäude selbst kaufen.

Sie können nicht jede Sanierung finanzieren.

Deshalb braucht eine Stadt Menschen, die bereit sind:

Risiken einzugehen,

Fördermittel zu beantragen,

mit Denkmalbehörden zu arbeiten

und über Jahre hinweg ein schwieriges Projekt durchzuhalten.

Gerade bei stark geschädigten Gebäuden ist das keine sichere Investition.

Kosten können steigen.

Zeitpläne können sich verschieben.

Und jede geöffnete Wand kann die nächste Überraschung bringen.

Denkmalpflege ist oft ein wirtschaftliches Risiko

Historische Gebäude werden in öffentlichen Debatten häufig romantisiert.

Man sieht die fertige Fassade.

Die alten Türen.

Die historischen Fenster.

Die restaurierten Decken.

Was man nicht sieht, sind die Jahre davor.

Gutachten.

Notstützen.

Feuchtigkeitsschäden.

Schädlingsbefall.

Holzsanierung.

Brandschutz.

Statik.

Genehmigungen.

Denkmalgerechte Materialien.

Und steigende Baukosten.

Die Böhmische Straße 19 zeigt deshalb auch, dass Denkmalschutz Menschen braucht, die bereit sind, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Ein mögliches Signal für weitere Problemhäuser

Zittau besitzt noch immer Gebäude, deren Zukunft ungewiss ist.

Ein erfolgreich abgeschlossenes Sanierungsprojekt kann deshalb Signalwirkung haben.

Es zeigt:

Auch sehr schwierige Häuser können gerettet werden.

Nicht jedes Gebäude.

Nicht zu jedem Preis.

Und nicht ohne Kompromisse.

Aber oft ist mehr möglich, als ein erster Blick auf eine marode Fassade vermuten lässt.

Innenstadt braucht Bewohner

Die Sanierung passt zugleich in die größere Diskussion über die Zukunft der Zittauer Innenstadt.

Historische Fassaden allein schaffen noch kein lebendiges Zentrum.

Eine Innenstadt braucht Menschen, die dort:

wohnen,

arbeiten,

einkaufen,

essen,

Dienstleistungen nutzen

und sich aufhalten.

Deshalb ist die Rückkehr von Nutzung in historische Gebäude mindestens genauso wichtig wie die reine Restaurierung.

Ein schönes, aber leeres Haus hilft einer Innenstadt nur begrenzt.

Ein saniertes und genutztes Haus dagegen bringt dauerhaft Leben zurück.

Handel und Wohnen sollten zusammen gedacht werden

Gerade historische Innenstädte profitieren von gemischten Nutzungen.

Geschäfte und Dienstleistungen im Erdgeschoss.

Wohnungen in den oberen Etagen.

Büros oder kleinere Gewerbeeinheiten.

Diese Mischung sorgt dafür, dass Straßen nicht nur zu bestimmten Tageszeiten belebt sind.

Wenn Innenstädte ausschließlich Einkaufsorte sind, werden sie abends leer.

Wenn sie ausschließlich Wohnorte sind, fehlt wirtschaftliche Aktivität.

Historische Bürgerhäuser waren häufig schon ursprünglich Mischgebäude.

Deshalb passt die Verbindung von Wohnen und Gewerbe gut zur Geschichte solcher Häuser.

Sanierung statt Abriss ist auch eine Frage der Identität

Zittau besitzt ein außergewöhnlich reiches historisches Stadtbild.

Genau darin liegt ein wichtiger Teil der Identität der Stadt.

Neue Gebäude können notwendig und architektonisch gut sein.

Aber ein mittelalterliches oder frühneuzeitliches Bürgerhaus lässt sich nicht ersetzen.

Ist es einmal verschwunden, kann man höchstens eine Kopie bauen.

Die Geschichte selbst kommt nicht zurück.

Deshalb ist die Rettung der Böhmischen Straße 19 mehr als ein privates Bauprojekt.

Sie ist ein Beitrag zum Erhalt des historischen Zittau.

Das Haus war bereits öffentlich zugänglich

Während der Sanierung wurde das Gebäude zeitweise auch im Rahmen des Tags des offenen Denkmals zugänglich gemacht.

Für das Programm 2025 waren Führungen durch Bauherr Clemens Hauptmann angekündigt.

Das ist besonders wertvoll.

Denn viele Menschen sehen bei einer fertigen Sanierung nur das Ergebnis.

Baustellenführungen zeigen dagegen, wie komplex Denkmalpflege tatsächlich ist.

Sie machen sichtbar, warum manche Arbeiten lange dauern und warum ein historisches Haus nicht wie ein Neubau behandelt werden kann.

Zittau könnte stärker mit seinen Sanierungsgeschichten werben

Die Stadt besitzt zahlreiche erfolgreiche Beispiele denkmalgerechter Sanierung.

Viele davon könnten stärker touristisch und öffentlich erzählt werden.

Denn Besucher interessieren sich nicht nur für:

Kirchen,

Museen,

Rathäuser

und große Sehenswürdigkeiten.

Auch die Geschichte einzelner Wohnhäuser kann spannend sein.

Wer wohnte dort?

Wie alt ist der Keller?

Welche Umbauten gab es?

Was wurde bei der Sanierung gefunden?

Solche Geschichten machen eine Stadt lebendig.

Ein Erfolg mit Signalwirkung

Die Böhmische Straße 19 zeigt, dass Altstadterhaltung keine rein staatliche Aufgabe ist.

Es braucht ein Zusammenspiel von:

Eigentümern,

Planern,

Handwerkern,

Denkmalpflege,

Fördermittelgebern

und Behörden.

Nur wenn diese Beteiligten zusammenarbeiten, können besonders schwierige Gebäude gerettet werden.

Das ist mühsam.

Aber das Ergebnis bleibt möglicherweise für Jahrhunderte.

Fazit

Das denkmalgeschützte Bürgerhaus Böhmische Straße 19 in Zittau ist vor dem Verfall gerettet worden.

Das Gebäude besitzt eine außergewöhnlich lange Baugeschichte.

Die Kelleranlage reicht bis in das späte 13. Jahrhundert zurück. Spätere Umbauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert prägen das Haus bis heute.

Seit 2023 läuft die Sanierung und Erweiterung zum Wohn- und Geschäftshaus. Der Projektzeitraum reicht nach Angaben des Architekturbüros bis 2026.

Die Arbeiten waren aufwendig.

Es gab unerwartete Schäden.

Teile mussten neu aufgebaut werden.

Gleichzeitig konnte wertvolle historische Substanz erhalten werden.

Nun steht das Haus vor einer neuen Zukunft.

Aus einem gefährdeten Denkmal wird wieder ein genutztes Gebäude mitten in der Zittauer Altstadt.

Kommentar: Zittau darf seine Geschichte nicht Stück für Stück verlieren

Jede Stadt braucht Veränderung.

Nicht jedes alte Gebäude kann erhalten werden.

Und nicht jede Ruine lässt sich wirtschaftlich retten.

Aber Zittau muss besonders vorsichtig sein.

Die historische Altstadt ist kein austauschbarer Hintergrund.

Sie ist eines der größten Vermögen der Stadt.

Nicht nur touristisch.

Auch emotional.

Menschen identifizieren sich mit Straßen, Häusern und Plätzen.

Deshalb ist die Rettung der Böhmischen Straße 19 ein gutes Signal.

Hier wurde nicht gewartet, bis nur noch der Abriss bleibt.

Jemand hat Verantwortung übernommen.

Das verdient Anerkennung.

Denn am Ende wird eine historische Stadt nicht durch große Sonntagsreden gerettet, sondern Haus für Haus.

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