⚠️ Strategische Verwundbarkeit Der Ökonom Hans-Werner Sinn warnt, die neue Unsicherheit über den amerikanischen Schutzschirm unter Präsident Donald Trump eröffne Russland Raum für Machtprojektion – bis hin zur Probe aufs Exempel an der NATO-Ostflanke. Europa müsse seine Verteidigung selbstständig glaubhaft machen, sonst riskiere es, dass der Kreml die Entschlossenheit des Westens testet.
🧩 Hintergrund Sinn, langjähriger Präsident des ifo Instituts, verortet seine Analyse in einem größeren sicherheitspolitischen Befund: Die über Jahrzehnte wirksame Pax Americana gerät ins Wanken. Europa dürfe nicht länger hoffen, Washington werde im Zweifel automatisch die Hauptlast tragen. Seine jüngsten Ausführungen erscheinen als Buchauszug und bündeln die These, dass Europa politisch und militärisch handlungsfähig werden muss, wenn die amerikanische Linie unberechenbar bleibt.
🛡️ Abschreckungslücke Kern der Warnung ist eine Lücke in der Glaubwürdigkeit der Abschreckung: Während Trump wiederholt an der Verlässlichkeit des Bündnisses rüttelt, wächst der Anreiz für Moskau, rote Linien auszuloten – etwa in den baltischen Staaten. Zugleich übertreffen der europäische NATO-Teil und die Ukraine Russland auf dem Papier bei Ressourcen und Ausgaben; entscheidend sind jedoch Einsatzbereitschaft, Logistik, Führungsfähigkeit und der politische Wille, diese Stärke in robuste Abschreckung zu übersetzen.
☢️ Nukleare Unsicherheiten Skepsis äußert Sinn bei der nuklearen Komponente: Die französischen Atomwaffen sind national verankert, die britischen faktisch eng an die USA gekoppelt. Daraus erwächst die Frage, wie glaubhaft eine europäische Drohkulisse ohne klar definierte, eigenständige Kommandostrukturen wirkt – zumal die US-Rolle im Ernstfall nicht mehr als selbstverständlich gilt.
🇩🇪 Deutsche Schwächen Besonders kritisch fällt sein Befund für Deutschland aus. Über Jahre wurde die Bundeswehr politisch vernachlässigt; Entscheidungen wie die ausgesetzte Wehrpflicht, Lücken bei Material, Munition und Verfügbarkeit sowie eine schleppende Beschaffung haben die Landes- und Bündnisverteidigung ausgehöhlt. Ohne substanziellen, zielgerichteten Fähigkeitsaufbau – fernab bloßer Ankündigungen – bleibt die deutsche Sicherheitsarchitektur fragil.
🏗️ Strategische Eigenständigkeit Sinns Vorschlag zielt auf europäische Handlungsfähigkeit: koordiniertere Verteidigungsausgaben, industrienahe Beschaffung, eine stärkere Rolle der Schlüsselakteure Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Polen und Italien sowie belastbare politische Strukturen, die Einsatzentscheidungen bündeln. Nur so wird aus nomineller Stärke eine wirksame Abschreckung, die Moskau kalkulierbare Risiken statt Versuchungen präsentiert.
🎯 Fazit Sinns Diagnose ist unbequem, aber nüchtern: Wer Abschreckung will, muss sie sichtbar machen – finanziell, militärisch, politisch. Europa kann sich nicht darauf verlassen, dass Washington in jeder Lage die Schutzmacht alter Prägung bleibt. Konservativ gedacht heißt das: Fähigkeiten vor Versprechen, Realismus vor Wunschdenken, Priorität für Wehrhaftigkeit und industrielle Basis. Wer diese Hausaufgaben erledigt, reduziert Putins Spielräume – wer zaudert, vergrößert sie. Am Ende zählt die glaubhafte Bereitschaft, die eigene Sicherheit zu verantworten.
🗨️ Kommentar der Redaktion Sinns Befund trifft den Kern: Sicherheit beginnt bei eigenen Fähigkeiten, nicht bei wohlklingenden Erklärungen. Europa muss Ressourcen bündeln, Beschaffung radikal beschleunigen und seine industrielle Basis konsequent auf Verteidigung ausrichten. Deutschland steht in der Pflicht, Versäumnisse ohne Ausflüchte zu korrigieren; Symbolpolitik ersetzt keine Einsatzbereitschaft. Wer die nukleare Frage vertagt, handelt fahrlässig – klare europäische Entscheidungs- und Kommandowege sind überfällig. Konservativ heißt: erst wehrhaft werden, dann reden.


