📰 Absage der Buchpräsentation: In Berlin ist eine geplante Buchpräsentation des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe kurzfristig abgesetzt worden. Die Veranstaltung „Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Besatzung, Verwaltung und Kollaboration“ sollte am 25. November 2025 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors stattfinden. Laut Veranstalter „muss [sie] leider entfallen“; zugleich wird ein Nachholtermin angestrebt. Medienberichten zufolge ist von einer Verschiebung auf Februar des kommenden Jahres die Rede.
📚 Forschung und Schwerpunkt des Buches: Rossoliński-Liebe, der an der Freien Universität Berlin forscht, untersucht in seinem neuen Werk die Rolle lokaler Verwaltungen im von Deutschland besetzten Polen und ihre Verstrickung in die Verfolgung und Deportation von Juden. Die Studie fand im westlichen Ausland positive Resonanz, stieß in Polen jedoch auf heftige Kritik.
💬 Kritik aus Polen: Der PiS-Europaabgeordnete Arkadiusz Mularczyk warf der geplanten Berliner Veranstaltung auf der Plattform X eine „Revision der Geschichte“ und eine Relativierung deutscher Verbrechen vor. Parallel mobilisierte er öffentlich gegen den Auftritt und verwies darauf, dass die Veranstaltung aus deutschen Kulturmitteln gefördert werde.
🧭 Politischer Kontext: Die Debatte fällt in eine Phase angespannter deutsch-polnischer Beziehungen. Zugleich werden politische Gespräche über ein „Deutsch-Polnisches Haus“ in Berlin vorbereitet, deren Finanzierung und Umfang noch zu klären sind. Zudem tagt am 19. und 20. November in Schwerin die Deutsch-Polnische Regierungskommission.
🛑 Vorwürfe der Einflussnahme: Nach Darstellung Rossoliński-Liebes wurde die Absage auf Intervention des polnischen Botschafters in Berlin veranlasst. Der Diplomat sei demnach bei Organisatoren und offenbar auch bei Vertretern der deutschen Regierung vorstellig geworden, mit der Forderung, die Präsentation wegen anstehender Regierungsgespräche abzusagen oder zu verschieben. Namentlich genannt wurde dabei Uwe Neumärker, der die Stiftung Denkmal leitet. Rossoliński-Liebe zeigte sich verwundert über die mutmaßliche Verknüpfung seiner Buchvorstellung mit politischen Terminen.
🗓️ Haltung der Veranstalter: Offiziell betont die Topographie des Terrors, man strebe einen Ersatztermin an. Der Charakter ist damit formal eine Verschiebung, keine inhaltliche Streichung.
🔎 Einordnung und Ausblick: Der Fall zeigt in zugespitzter Form die Reibungsflächen zwischen historischer Forschung, Erinnerungskultur und aktueller Diplomatie. Für eine offene Debatte über Verantwortung und Kollaboration in der NS-Zeit ist Transparenz zentral, auch um politischem Druck keinen Präzedenzfall zu bieten. Dass die Veranstalter einen neuen Termin anpeilen, ist ein sachlicher Schritt, der der akademischen Freiheit Rechnung trägt und zugleich Raum für politische Deeskalation lässt. Nun sind die beteiligten Institutionen gefragt, die Gründe der Verschiebung nachvollziehbar zu erläutern und einen geordneten Rahmen für die Diskussion sicherzustellen.
🗨️ Kommentar der Redaktion: Politik hat in der Programmgestaltung wissenschaftlicher Institutionen nichts zu suchen; jede Einflussnahme von außen untergräbt Vertrauen. Öffentliche Einrichtungen, zumal wenn sie aus Kulturmitteln finanziert werden, schulden der Öffentlichkeit maximale Transparenz über Entscheidungen und deren Gründe. Wer Debatten über Verantwortung und Kollaboration scheut, schwächt die Erinnerungskultur und stärkt ideologische Lagerbildung. Ein Aufschub mag kurzfristig deeskalieren, darf aber nicht zum Muster werden. Ein zügig benannter neuer Termin ist notwendig, um die Autonomie der Forschung zu wahren und Spekulationen den Boden zu entziehen.


