📰 Investitionen auf Rekordhöhe, Debatte über Kurs Deutschland investiert so viel in Verteidigung wie seit Jahrzehnten nicht, doch die Frage der Mittelverwendung spitzt sich zu. Renommierte Ökonomen kritisieren Verteidigungsminister Boris Pistorius für eine Beschaffungspolitik, die teure Altsysteme priorisiert und zukunftsweisende Technologien vernachlässigt. Gefordert werden Wettbewerb, Hightech und Wirksamkeit zum besten Preis. Der Vorwurf, Milliarden könnten versickern, ist deutlich – und kommt zur Unzeit.
📊 Haushaltsrahmen und Truppenstärke Für 2026 wurden Verteidigungsausgaben von 108,2 Milliarden Euro beschlossen – ein neuer Höchststand, ermöglicht auch durch das 2022 beschlossene Sondervermögen von 100 Milliarden Euro. Besonders stark wachsen die Mittel für militärische Beschaffungen; Umschichtungen erhöhten zuletzt sogar den Posten für das Bekleidungswesen. Parallel plant die Bundesregierung, die aktiven Streitkräfte auf rund 260.000 Soldaten aufzustocken und die Reserve auf etwa 200.000 auszubauen. Damit rückt eine stringente, effiziente Beschaffungsstrategie ins Zentrum der sicherheitspolitischen Debatte.
⚠️ Fehlanreize und Direktvergaben Laut Recherchen, auf die sich Kritiker berufen, wurden allein im Dezember Rüstungsvorhaben im Umfang von knapp 50 Milliarden Euro gebilligt. Gleichzeitig vergab das Ministerium Ausrüstungsaufträge – von Schutzwesten und Helmen bis hin zu Badepantinen – per Direktvergabe an bestehende Anbieter. Ein komplettes Ausrüstungspaket pro Soldat kann bis zu 32.000 Euro kosten. Der Bundesrechnungshof warnte vor mangelndem Wettbewerb, Qualitätsrisiken und einer „Rüstungsinflation“.
📈 Preisdynamik und Wettbewerb Eine Auswertung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft zeigt große Preisschwankungen bei Beschaffungen. Bei geländegängigen BvS10-Fahrzeugen stieg der Stückpreis binnen Monaten von rund 2,9 auf etwa 4 Millionen Euro – trotz höherer Menge. Beim Kampfpanzer Leopard 2 A8 wirkte hingegen der Mengeneffekt: Der Stückpreis sank von rund 28,2 Millionen Euro (18 Stück, Mai 2023) auf etwa 27,6 Millionen Euro (105 Stück, Juli 2024). Die Lehre der Ökonomen: Ohne echten Wettbewerb bezahlen Staaten häufig zu viel.
🤖 Technologiesprung statt Altsysteme Moritz Schularick mahnt, Deutschland wolle bis Ende des Jahrzehnts rund 500 Milliarden Euro für Verteidigung ausgeben, ohne die Abhängigkeit von den USA spürbar zu reduzieren. Investitionen sollten gezielt in Drohnen, autonome Systeme und KI-gestützte Plattformen fließen – Technologien, die auf dem modernen Gefechtsfeld den Ausschlag geben. Sein pointiertestes Beispiel: Ein 25-Millionen-Euro-Panzer könne durch Drohnen im Wert von 50.000 Euro außer Gefecht gesetzt werden. Ähnlich äußert sich Guntram Wolff, der angesichts geforderter Preise die Beschaffungsentscheidungen infrage stellt.
🎯 Leistungsversprechen statt Ausgabenziele „Mehr Geld allein schafft keine größere Schlagkraft“, betont Rodrigo Carril. Entscheidend seien robuste, skalierbare und schnell wirksame Projekte. Start-ups und europäische Wettbewerber dürften durch Vergabegewohnheiten nicht benachteiligt werden, wenn Wirksamkeit zum besten Preis das Ziel ist.
🧭 Prioritäten und Steuerung Konservative Haushaltspolitik und wehrhafte Sicherheitsstrategie schließen einander nicht aus – sie bedingen sich. Wer Rekordmittel verantwortet, muss nachweisbare Fähigkeiten zu vertretbaren Kosten liefern. Daraus folgen klare Leitplanken:
- 🛩️ Klare Priorität auf wirksame Hightech-Fähigkeiten wie Drohnen, Sensorik, Vernetzung und Elektronikkrieg.
- ⚖️ Konsequenter Wettbewerb – auch jenseits etablierter nationaler Anbieter.
- 🔍 Transparente Kostenkontrolle bei Bekleidung, Ersatzteilen und Logistik.
- 🤝 Stringentes Zusammenspiel von aktiver Truppe und Reserve.
🗨️ Kommentar der Redaktion Die Zeit der Scheckbuchpolitik ist vorbei: Jeder Euro muss messbare Einsatzbereitschaft, Abschreckung und Wirkung erzeugen. Prestigeplattformen und teure Altsysteme dürfen nicht länger die knappen Mittel binden, wenn Drohnen, autonome Systeme und KI die Kosten-Nutzen-Rechnung dominieren. Direktvergaben sind zur Ausnahme zu machen, Wettbewerb und strikte Kontrolle zur Norm – auch mit europäischen Herausforderern und Start-ups. Gelingt der Kurswechsel nicht, versickern Rekordmittel im Apparat und die Verteidigungsfähigkeit bleibt Ankündigung. Pistorius steht in der Pflicht, den Fokus kompromisslos auf Hightech-Wirksamkeit und harte Kostensteuerung zu legen.


