📰 Einleitung Zittau wagt den Schritt in eine neue Wärmetechnologie: Eine erste Pilotanlage von Hochschule Zittau/Görlitz und Stadtwerken soll die Kälte der Mandau in nutzbare Wärme für die Stadt umwandeln. Der Ansatz beruht auf etablierten physikalischen Prinzipien und wird nun unter realen Netzbedingungen erprobt. Damit positioniert sich die Oberlausitz als Testfeld für eine Alternative zur klassischen Gas- und Kohlewärme. Ziel ist es, eine wetterunabhängige, heimische Quelle in das Fernwärmesystem einzubinden.
💡 Funktionsprinzip Die Methode nutzt die bei der Eisbildung freiwerdende Schmelzwärme, die mittels Wärmepumpen auf ein nutzbares Temperaturniveau angehoben wird. Das Flusswasser dient als ganzjährige Quelle im niedrigen Temperaturbereich. Ein Unterdruck- beziehungsweise Verdampferprozess kann die Eisbildung beschleunigen, wobei dem Wasser Wärme entzogen wird. Anschließend wird das abgekühlte Wasser, teils als Eis-Wasser-Gemisch, in den Fluss zurückgeführt. Der Reiz liegt in einfacher Physik, verfügbarer Industrietechnik und potenziell hoher Versorgungssicherheit bei gelingender Netzintegration.
🏗️ Pilotanlage und Inbetriebnahme Die Anlage ist für die Kopplung mit dem städtischen Fernwärmenetz ausgelegt. Kernstück ist eine zweistufige Großwärmepumpe auf Ammoniak-Basis, die nach erfolgreicher Werksabnahme im November 2025 in eine Aufstellungshalle der Stadtwerke verbracht wurde. Die Inbetriebnahme erfolgt schrittweise: von Flusswasserentnahme und -rückführung über den Direktverdampfer als erste Stufe bis zur NH3-Wärmepumpe als zweite Stufe und der Einspeisung in das Netz. Die Mandau fungiert als Wärmequelle, das Fernwärmesystem als Senke. Die Anordnung zielt auf Effizienz und Netzstabilität.
🤝 Kooperation Stadtwerke und Hochschule arbeiten operativ eng zusammen. In der Anlage kommt unter anderem ein Vakuumverdampfer zum Einsatz. Sichtbarer Ausdruck der Zusammenarbeit: Hochschulrektor Alexander Kratzsch und Projektleiter Thomas Gubsch präsentierten den aktuellen technischen Stand bei den Stadtwerken.
🧭 Prüfsteine im Fokus Aus konservativer Sicht entscheidet sich der Wert des Projekts an wenigen, klaren Kriterien. Erst ein robuster Dauerbetrieb, tragfähige Kostenstrukturen und belastbare Umweltstandards machen aus der Demonstration ein übertragbares Modell.
- Technische Verlässlichkeit im Dauerbetrieb: Kontinuierliche Laufzeiten über alle Jahreszeiten müssen Leistungszahlen und Verfügbarkeit belegen; entscheidend ist Fehlerresistenz an kalten Tagen mit hohem Lastgang.
- Netzintegration und Wirtschaftlichkeit: Die Wärme muss mit wettbewerbsfähigen Vollkosten ins Fernwärmenetz; Investitionen und Strombetrieb sind ebenso zu bewerten wie Lastmanagement und Tarife für Skalierbarkeit.
- Umweltverträglichkeit: Abkühlung und zeitweise Rückführung eines Eis-Wasser-Gemischs erfordern klare Leitplanken; Temperaturprofile, Einleitpunkte und Betriebsstunden sind so zu steuern, dass Lebensräume nicht beeinträchtigt werden, inklusive Monitoring und transparenter Grenzwerte.
📌 Fazit Zittau liefert mit der Mandau-Wärme ein technikgetriebenes Experiment, das heimische, wetterunabhängige Quellen erschließt und Netzeffizienz sowie Unabhängigkeit stärken kann. Die Verbindung von universitärer Forschung und kommunaler Anwendung erhöht die Erfolgschancen. Doch erst der Nachweis eines wirtschaftlichen, robusten Dauerbetriebs mit klaren Umweltstandards macht das Konzept zur Blaupause für andere Städte. Bis dahin gilt: nüchtern messen, offen berichten und nur skalieren, was sich technisch wie finanziell bewährt.
🗨️ Kommentar der Redaktion Fortschritt braucht Beweise, nicht Versprechen. Ohne belastbare Laufzeitdaten, klare Kostenwahrheit und strenge Umweltgrenzen darf es keine Ausweitung geben. Fernwärmekunden sind keine Versuchskasse, sondern haben Anspruch auf verlässliche und bezahlbare Wärme. Erst wenn Effizienz und Verfügbarkeit über alle Jahreszeiten stabil sind, ist an Skalierung zu denken. Bleiben Kosten und Umweltbilanz hinter den Ansprüchen zurück, muss die Reißleine gezogen werden. Gelingt der Härtetest, verdient das Modell eine behutsame, kontrollierte Übertragung.


