📰 Vorsichtiger Kurswechsel Mehrere EU-Hauptstädte schlagen einen neuen, vorsichtigen Ton an: Gespräche mit Wladimir Putin werden nicht länger prinzipiell ausgeschlossen, zugleich bestehen führende europäische Stimmen auf klaren roten Linien und glaubwürdiger Abschreckung. Nach Monaten der Isolation und Sanktionen rückt neben Härte erstmals wieder kalkulierte Diplomatie in den Vordergrund – ohne die Illusion, dass Moskau derzeit zu Zugeständnissen bereit wäre. Am 12. Januar 2026 bekräftigte die EU-Kommission, dass es „zu irgendeinem Zeitpunkt“ Gespräche mit Putin brauchen werde, machte jedoch ebenso deutlich: „Wir sind noch nicht so weit.“
🧭 Hintergrund der Kehrtwende Seit Beginn der russischen Invasion 2022 setzte die EU auf maximale wirtschaftliche, politische und rechtliche Eindämmung: umfangreiche Sanktionspakete, Waffen- und Finanzhilfen für Kiew, diplomatische Ächtung des Kremls. Dieses Paradigma erhält nun einen Zusatz: Europa will nicht länger Zuschauer sein, wenn über die künftige Sicherheitsordnung verhandelt wird. Brüssel öffnet die Tür für Gespräche als Option für den richtigen Zeitpunkt und unter der strikten Bedingung, dass Russland seine Angriffe beendet und die Ukraine am Tisch sitzt. Die Sprecherin der Kommission, Paula Pinho, betonte zugleich, es gebe derzeit keinerlei Signale aus Moskau, die Verhandlungsreife erkennen ließen.
🇫🇷 Paris und Rom drängen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron plädiert für eine Wiederaufnahme des Dialogs „so bald wie möglich“, um Europas Interessen eigenständig einzubringen und nicht allein von Washingtons Vermittlung abhängig zu sein. Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni sekundiert und regt einen EU‑Sondergesandten an, damit europäische Positionen geschlossen artikuliert werden. Beiden geht es nicht um Konzessionen, sondern um einen geordneten politischen Kanal mit klarem Mandat.
⚠️ Warnungen aus Brüssel und dem Osten Die Kommission koppelt jede Annäherung an die militärische Lage; andauernde russische Bombardements gegen ukrainische Infrastruktur schließen echte Sondierungen derzeit aus. Die Hohe Vertreterin Kaja Kallas erinnert daran, dass Putins „Antwort auf Diplomatie Raketen und Zerstörung“ sei – eine Mahnung, Gespräche nicht mit Gutgläubigkeit zu verwechseln.
🔌 Gesprächskanäle am Rand Offene Leitungen nach Moskau hielten zuletzt vor allem Ungarn und die Slowakei, beide kritisch gegenüber EU‑Hilfen für Kiew. Dass nun auch Schwergewichte wie Frankreich und Italien für einen strukturierten europäischen Gesprächskanal werben – flankiert von einer vorsichtig geöffneten Tür der EU‑Kommission –, markiert einen Stimmungswechsel: weg vom Dogma des Nicht‑Redens, hin zur Kombination aus Druck, Abschreckung und kontrollierter Diplomatie.
🧱 Rote Linien und Hebel Europa tastet sich an eine realistische Doppelstrategie heran: reden, wenn es dem eigenen Interesse dient – aber nur aus einer Position der Stärke. Wer mit Putin verhandeln will, braucht belastbare Hebel:
- Sanktionsdisziplin
- Militärische Unterstützung der Ukraine
- Ein geeintes europäisches Mandat
- Klare Sicherheitsgarantien für die Zeit danach
🎯 Timing bleibt entscheidend Erst wenn Moskau Kosten und Konsequenzen weiterer Aggression höher gewichtet als vermeintliche Kriegsdividenden, können Gespräche mehr sein als Kulisse. Bis dahin bleibt Europas Aufgabe, Einigkeit zu wahren, Abschreckung glaubwürdig zu halten – und den Zeitpunkt für Diplomatie selbst zu bestimmen, nicht ihn vom Kreml diktieren zu lassen.
🗨️ Kommentar der Redaktion Diplomatie ist ein Werkzeug, kein Ziel. Wer jetzt über Gesprächskanäle nachdenkt, muss zugleich die Sanktions- und Unterstützungspolitik ohne Abstriche fortführen. Ein EU‑Dialog mit Moskau darf nur unter klaren Bedingungen und strikt kollektiv geführt werden; jede Illusion über angebliche Entgegenkommen wäre naiv. Rote Linien sind zu benennen und bei Bedarf durchzusetzen, sonst verliert Europa Abschreckungskraft. Die Tür mag einen Spalt offenstehen, doch das Schloss bleibt verriegelt, solange Raketen auf die Ukraine fallen.
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