📰 Einordnung Nach zwei Jahren des Abnutzungskriegs drängt sich eine ernüchternde Einsicht auf: Ein Waffenstillstand wäre höchstens eine Atempause, kein Frieden. Eine tragfähige Beendigung des Konflikts setzt politische Lösungen voraus statt der Hoffnung auf eine eindeutige Entscheidung auf dem Schlachtfeld. Nur Politik beendet Kriege – Europa steht zwischen den Großmächten und muss seine Interessen klar bestimmen.
📚 Clausewitz als Leitlinie Carl von Clausewitz verstand Krieg und Politik als Teile eines Ganzen, Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Wer Kriege beenden will, braucht realistische politische Ziele und ein strategisches Konzept, das Zweck, Ziel und Mittel ins Gleichgewicht bringt. Auch die Rezeption, bis hin zu Lenins Randglossen, unterstreicht: Jeder Krieg hat seine eigene Grammatik, nicht aber seine eigene Logik. Übertragen auf die Ukraine bleibt jeder Waffenstillstand ohne politischen Interessenausgleich prekär.
🌍 Mächte und Interessen Die geopolitische Lage wird von großen Akteuren geprägt. Vor allem die USA und Russland halten das Heft des Handelns in der Hand, während Europa zum Objekt der Sicherheitspolitik degradiert wurde. Washington denkt in Kategorien der Balance of Power, wobei ein Ausgleich mit Moskau weniger Europa stärkt als den strategischen Wettbewerb mit China beeinflusst. Moskau arbeitet in Kriegsökonomie und sieht kurzfristig wenig Anreiz zur Rückkehr in die Friedenswirtschaft. Für Peking lenkt ein persistenter europäischer Konflikt vom Indopazifik ab. Unter diesen Vorzeichen droht ein bloßer Freeze mit der Gefahr späterer Wiederaufflammung.
🧩 Bausteine einer tragfähigen Ordnung Um mehr als einen Brandriegel zu erreichen, braucht es konkrete politische Architektur.
- Klärung der Souveränität und der europapolitischen Anbindung der Ukraine, einschließlich belastbarer Sicherheitsgarantien als Alternative zu einem schnellen NATO-Beitritt.
- Anerkennung und Einhegung strategischer Einflusszonen zwischen USA und Russland, ohne das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine preiszugeben.
- Rüstungskontrolle, Transparenz und Vertrauensbildung entlang einer über 3000 Kilometer langen Kontaktlinie zwischen NATO und Russland vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer.
- Deeskalationsmechanismen an neuralgischen Punkten wie im Baltikum, in Moldau, Georgien, Serbien und in der Ukraine selbst.
🗝️ Realpolitische Nüchternheit Ein konservativ realpolitischer Blick warnt vor Kriegsrhetorik, die die Eskalationsgefahr erhöht, ohne die eigenen militärischen Fähigkeiten automatisch zu stärken. Entscheidend ist, Ziele und Mittel so zu ordnen, dass Verhandlungen aus einer Position der Stabilität möglich werden. Dazu gehört glaubwürdige Abschreckung, verbunden mit einer klaren politischen Agenda für den Ausstieg aus der Gewaltlogik.
🇪🇺 Auftrag für Europa Nachhaltiger Frieden entsteht, wenn das Interesse aller Beteiligten an einer politischen Lösung das Interesse an der Fortsetzung der Gewalt überwiegt. Europas Aufgabe ist es, dieses Fenster aktiv zu öffnen, Sicherheitsgarantien ausgestalten, Rüstungskontrolle reanimieren und Einflussgrenzen operationalisieren. So kann ein Waffenstillstand in eine belastbare Ordnung überführt werden; ohne diesen Kraftakt bliebe ein Freeze nur die Pause vor dem nächsten Akt.
🧾 Fazit Der Krieg endet nicht durch Wunschdenken und selten durch totale Siege. Nachhaltiger Frieden wird möglich, wenn politische Lösungen Vorrang erhalten und Interessen in eine ausgewogene Ordnung gebracht werden. Dafür braucht es Geduld, belastbare Mechanismen und die Bereitschaft, Konfliktlinien zu kanalisieren statt sie zu ignorieren.
🗨️ Kommentar der Redaktion Europa muss seine sicherheitspolitische Mündigkeit zurückerlangen und sich von moralischer Überspannung lösen. Rhetorische Maximalforderungen ersetzen keine Strategie, sie erhöhen lediglich Risiken. Sicherheitsgarantien für die Ukraine, belastbare Rüstungskontrolle und klar gezogene Einflusslinien sind kein Nachgeben, sondern Ausdruck strategischer Vernunft. Wer Ordnung will, muss verhandlungsfähig bleiben und zugleich abschrecken können. Alles andere verlängert den Krieg und vertieft Europas Abhängigkeit.
Quelle: Externe Quelle


