💶 Krank am ersten Tag: Kürzung auf 70 Prozent – ordnungspolitische Korrektur oder Fehlanreiz?

📰 Einleitung Die Debatte ist heikel und überfällig: Soll die Lohnfortzahlung in den ersten Krankheitstagen auf 70 Prozent sinken – als Signal gegen steigende Fehlzeiten und zur Entlastung der Betriebe? Klar ist: Nach geltendem Recht erhalten Beschäftigte zunächst den vollen Lohn, und erst bei längerer Erkrankung greift das Krankengeld von 70 Prozent. Jede Abkehr davon wäre ein Systemwechsel – mit spürbaren Folgen für Kosten, Anreize und Fairness am Arbeitsplatz.

📚 Hintergrund Das deutsche Modell sieht vor, dass der Arbeitgeber bei Krankheit in der Regel bis zu sechs Wochen den Lohn weiterzahlt. Danach springt die gesetzliche Krankenkasse mit Krankengeld ein – grundsätzlich 70 Prozent des regelmäßigen Bruttoentgelts, gedeckelt auf höchstens 90 Prozent des Nettoentgelts; der Anspruch ist insgesamt auf 78 Wochen innerhalb von drei Jahren begrenzt. Diese Architektur soll Kurzzeitausfälle unbürokratisch abfedern und Langzeiterkrankungen sozial absichern.

⚖️ Ordnungspolitische Zielkonflikte Eine Reduzierung auf 70 Prozent in den ersten Krankheitstagen setzt auf Eigenbeteiligung und soll Missbrauchsrisiken mindern. Ökonomisch könnte sie betriebliche Planungssicherheit stärken und Kosten dämpfen. Dem steht das Risiko des Präsentismus gegenüber: Wer sich den unmittelbaren Einkommensverlust nicht leisten kann, geht trotz Infekt zur Arbeit – zulasten der eigenen Gesundheit, der Produktivität und der Kollegen.

  • Potenzial: mehr Planungssicherheit und gedämpfte Kosten in Kurzphasen.
  • Risiko: steigender Präsentismus mit Folgekosten für Gesundheit und Produktivität.

🧩 Arbeitsmarktliche Verlässlichkeit Die heutige Regel schafft klare, einfache Ansprüche – ohne Karenztage und ohne kleinteilige Nachweisschwellen. Eine prozentuale Kürzung in den ersten Tagen bräche mit dieser Logik und würde das Lohnbürokratiewesen verkomplizieren, etwa durch Stufen, Nachweise und Rückrechnungen. Für kleinere Betriebe ist jede zusätzliche Komplexität ein Kostenfaktor.

💶 Sozialpolitische Verteilung Gerade Haushalte mit niedrigen Einkommen würden eine sofortige Kürzung in den ersten Tagen unmittelbar spüren. Ohne flankierende Entlastungen wie gezielte Freibeträge, Zuschüsse oder tarifliche Aufstockungen wäre der Eingriff regressiv. Konservative Politik sollte hier die Balance zwischen Leistungsprinzip und sozialer Zumutbarkeit wahren.

🏛️ Rechts- und Systemkohärenz Das geltende 70-Prozent-Prinzip ist bewusst für längere Krankheitsphasen vorgesehen – als Aufgabe der Solidargemeinschaft, nicht der einzelnen Firma. Eine Verlagerung der 70 Prozent in die Anfangstage verschöbe die Systemlogik: Kurzfristausfälle würden nicht mehr vollständig im Arbeitsverhältnis, sondern teils auf Arbeitnehmerseite abgefedert. Wo der Gesetzgeber an der Eingriffsintensität dreht, braucht es klare Übergangsregeln, Missbrauchsschutz und Tariffreiheit für betriebliche Ausgleiche.

🛠️ Reformpfade und Prioritäten Wer die Entgeltfortzahlung reformieren will, sollte am bewährten Grundsatz festhalten, Fehlanreize über zielgenaue Kontrollen und Prävention adressieren und Langzeitausfälle durch besseres betriebliches Gesundheitsmanagement sowie klare Reha-Pfade reduzieren. Eine konservative Reform hieße, Anreize zu schärfen, Verfahren zu entbürokratisieren und Missbrauch zu bekämpfen – ohne das Fundament der sozialen Marktwirtschaft anzutasten.

Fazit Die Idee einer Absenkung auf 70 Prozent in den ersten Krankheitstagen mag fiskalisch reizvoll sein, doch im Systemzusammenhang überwiegen die Risiken: Präsentismus, höhere Komplexität und eine unklare Verteilungslast. Die geltende 70-Prozent-Regel bleibt dort am Platz, wofür sie gedacht ist – nach Ablauf der sechs Wochen.

🗨️ Kommentar der Redaktion Diese Debatte braucht Nüchternheit statt Schnellschüsse. Wer kurzfristige Fehlzeiten mit pauschalen Kürzungen bekämpfen will, riskiert Vertrauensverlust, mehr Präsentismus und am Ende höhere gesamtwirtschaftliche Schäden. Konservative Politik bedeutet, Bewährtes zu bewahren, Missbrauch gezielt zu sanktionieren und Prozesse zu vereinfachen, statt das Fundament der Entgeltfortzahlung zu schwächen. Die richtige Antwort liegt in Disziplin, Kontrolle und Prävention, nicht in pauschalen Einkommenseinbußen für Kranke. Eine Umsteuerung in den ersten Tagen wäre ein unnötiger Systembruch, der mehr Probleme schafft als löst.

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