🧪 Einordnung Berlin-Adlershof ist heute Deutschlands größter Wissenschafts- und Technologiepark. Sein Aufstieg beruht maßgeblich auf ostdeutschen Gründern, die nach 1990 aus der Abwicklung des DDR-Forschungszentrums eine Erfolgsgeschichte formten. Das Cluster wächst stabil und umfasst rund 1.350 Unternehmen, 18 wissenschaftliche Einrichtungen und etwa 30.000 Beschäftigte auf 4,6 Quadratkilometern. Eine neue Dokumentation der Gründergeneration liefert Zeitzeugenberichte und belegt den langen Atem hinter dieser Entwicklung.
🕰️ Historische Zäsur Zu Wendezeiten arbeiteten in den Adlershofer Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR rund 5.500 hochqualifizierte Naturwissenschaftler. Die Forschung reichte von ultrakurzen Laserimpulsen für die Materialforschung bis zur Züchtung hochreiner Kristalle für die Mikroelektronik. Dennoch wurden Akademie und Einrichtungen zum 31. Dezember 1991 per Beschluss aufgelöst – ein „flächendeckender Blackout“ für eine bis dahin funktionierende Wissenschaftslandschaft. Das politisch-administrative Vakuum wirkte wie ein Stresstest: Wer bleiben wollte, musste gründen.
🧭 Kursstabilisierung In den frühen 2000er-Jahren gab die Ansiedlung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität dem Standort einen weiteren Schub. Kontinuierliche Unterstützung durch wechselnde Berliner Senate stabilisierte den Kurs und schuf verlässliche Rahmenbedingungen für Forschung, Entwicklung und Ausgründungen.
⚙️ Fallbeispiel Röntec Ingenieure aus dem Zentrum für wissenschaftlichen Gerätebau setzten sich trotz Ablehnung durch Abwicklungsstellen durch, mobilisierten Eigenkapital und brachten ein Gerät zur mikroräumlichen Röntgenfluoreszenz-Analyse zur Marktreife – eingesetzt unter anderem bei der Untersuchung von Rembrandts „Nachtwache“ im Rijksmuseum. 2005 wurde Röntec Teil des Wissenschaftsgeräteherstellers Bruker; am Standort arbeiten heute über 200 Beschäftigte, die Umsätze liegen im hohen zweistelligen Millionenbereich. Das Muster ist typisch: technische Tiefe, marktfähige Nischen und langfristige Reinvestition von Gewinnen statt schneller Ausschüttungen.
🧩 Kultur der Hidden Champions Diese Kultur prägt Adlershof bis heute. Der Standort vereint Spezialanbieter aus Photonik, Sensorik, Raumfahrt, IT und Materialien – eingebettet in eine Infrastruktur von Forschung, Lehre und industrienaher Entwicklung. So entstehen belastbare Wertschöpfungsketten mit hoher technischer Tiefe und klarer Marktnähe.
📊 Kennzahlen und Kontinuität Die Kennzahlen unterstreichen die Verlässlichkeit: rund 1.350 Firmen, 18 wissenschaftliche Einrichtungen und knapp 30.000 Beschäftigte auf 4,6 Quadratkilometern. Die Managementgesellschaft meldet stabile Belegschafts- und Umsatzentwicklungen; der Befund ist über Jahre konsistent und deckt sich mit den offiziellen Adlershof-Daten.
- Unternehmen: rund 1.350
- Wissenschaftliche Einrichtungen: 18
- Beschäftigte: knapp 30.000
- Fläche: 4,6 km²
🛰️ Politische Strahlkraft Am 3. Dezember 2025 besuchten der damalige Bundeskanzler Friedrich Merz und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner die Firma Berlin Space Technologies – ein Signal, dass technologiegetriebene, mittelständische Wertschöpfung wieder als nationale Aufgabe verstanden wird. Zugleich mahnen Protagonisten wie der Ingenieurwissenschaftler Norbert Langhoff, die Erfahrungen der frühen 1990er-Jahre – Resilienz, flache Hierarchien, konsequente Produktnähe – nicht zu verspielen. Das im Oktober 2025 im Leipziger Universitätsverlag erschienene Buch „Leucht-Türme. Adlershofer Hightech-Firmen und ihre Geschichte“ dokumentiert diese Prinzipien und macht sie für eine neue Gründerzeit nutzbar.
🧱 Fazit und Ausblick Adlershof ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis harter Brüche, unternehmerischer Disziplin und verlässlicher politischer Rahmensetzung. Die Lehre ist konservativ und schlicht: Eigentum, Verantwortung und technologische Exzellenz benötigen Planungssicherheit, entschlackte Verfahren und eine Universität, die Talente anzieht statt abzuschrecken. Wo die Politik Berechenbarkeit gewährte, entstanden Firmen, die mit Nischen-Weltmarktführerschaft Wertschöpfung und qualifizierte Arbeit sichern. Der nächste Schritt liegt auf der Hand: weniger Symbolpolitik, mehr industrielles Rückgrat – dann kann das ostdeutsche Erfolgsmodell Adlershof bundesweit Schule machen.
🗨️ Kommentar der Redaktion Der Staat hat nach den Brüchen nur eines verlässlich zu liefern: Rechtssicherheit und Planbarkeit. Förderkulissen sind zweitrangig; entscheidend sind schnelle Genehmigungen, Eigentumsschutz sowie eine berechenbare Energie- und Steuerpolitik. Universitäten müssen Leistung ermöglichen und Bürokratie abbauen, damit Talente bleiben. Wer industrielle Wertschöpfung will, ordnet Ideologie der Praxis von Technik und Unternehmertum unter. Adlershof belegt, dass Geduld, Eigentümerführung und Nischenfokus robuster sind als Symbolpolitik und Subventionsromantik.


