📰 Kiew wirft IKRK Gleichsetzung vor Die ukrainische Regierung hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz wegen einer Stellungnahme zu Angriffen auf Energieanlagen scharf kritisiert. Außenminister Andrij Sybiha nannte die Erklärung am 15. Januar 2026 „beschämend“ und warf dem IKRK vor, Aggressor und angegriffenes Land moralisch gleichzusetzen. Zugleich kündigte er an, den Leiter der IKRK-Delegation in Kiew ins Außenministerium zu zitieren. Das IKRK hatte zuvor Angriffe auf Versorgungsinfrastruktur in der Region thematisiert und vor den Folgen für Zivilisten gewarnt.
🧭 Humanitärer Auftrag versus Selbstverteidigung Das Rote Kreuz betont in Konflikten traditionell den Schutz der Zivilbevölkerung und mahnt die Einhaltung des humanitären Völkerrechts an. In der Debatte über Energieziele prallen die humanitäre Perspektive, die auf die Folgen für Millionen Menschen verweist, und Kiews Sicht aufeinander, wonach ukrainische Schläge gegen militärisch relevante Infrastruktur auf dem Selbstverteidigungsrecht beruhen. Der öffentliche Schlagabtausch verdeutlicht die politische Aufladung von Begriffen und Bewertungen im vierten Kriegswinter.
📣 Auslöser: IKRK-Beitrag auf X Auslöser der Empörung in Kiew war ein Beitrag des IKRK auf X, der die massiven Auswirkungen jüngster Angriffe auf Strom-, Wasser- und Heiznetze hervorhob. Genannt wurden unter anderem Kiew, Dnipro und Donezk in der Ukraine sowie Belgorod in Russland.
🌡️ „Inakzeptable“ Folgen für Zivilisten Die IKRK-Regionaldirektorin für Europa und Zentralasien, Ariane Bauer, bezeichnete die Folgen für den Alltag der Zivilbevölkerung als „inakzeptabel“. Angesichts der extremen Kälte sei es „lebenswichtig, dass Menschen sich warm halten können“. Viele erlebten den schwierigsten Winter seit der Eskalation des Krieges.
⚡ Versorgungsengpässe und schwierige Reparaturen In der ukrainischen Hauptstadt Kiew waren zuletzt rund 70 Prozent der Haushalte zeitweise ohne Strom; Reparaturen werden durch Frost und fehlende Ersatzteile erschwert. Auch aus der russischen Grenzregion Belgorod wurden nach Behördenangaben wiederholt Schäden an der Energieversorgung gemeldet, zeitweise seien zehntausende Menschen ohne Strom gewesen; diese Angaben ließen sich unabhängig nicht verifizieren.
🧷 Kritik an Zugang zu Kriegsgefangenen Sybiha erneuerte zudem seine Kritik an der Arbeit des IKRK, insbesondere am fehlenden systematischen Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen in russischer Hand.
⚖️ Heikle Schnittstelle von Recht und Realität Der Konflikt zwischen Kiew und dem Roten Kreuz reicht über einen Kommunikationsstreit hinaus. Er markiert die sensible Schnittstelle zwischen humanitärem Auftrag, juristischen Maßstäben und Kriegsrealität. Während das IKRK auf universelle Schutzstandards pocht, fordert die Ukraine eine Sprache, die den Kontext des russischen Angriffskriegs klar benennt. Für beide Seiten gilt: Präzision und Transparenz sind Voraussetzung, um Vertrauen zu bewahren, gerade wenn Energieversorgung zur Waffe wird und Zivilisten den Preis zahlen.
🗨️ Kommentar der Redaktion Als Hilfsorganisation muss das IKRK unmissverständlich den Schutz von Zivilisten verteidigen, ohne durch Formulierungen den Eindruck moralischer Gleichsetzung zu erzeugen. Kiew hat Recht, Klarheit über Täter und Kontext einzufordern, zugleich bleibt die Bindung an humanitäres Recht unverhandelbar. Wer Energieinfrastruktur ins Visier nimmt, trägt Verantwortung für absehbare Notlagen der Bevölkerung. Transparenter Zugang zu Kriegsgefangenen wäre ein Mindestmaß an Vertrauensbildung. Beide Seiten sollten die Debatte entpolitisieren und die Fakten sprechen lassen.


