🚌 Überblick Zgorzelec lässt seit dem 1. Januar 2026 seine Stadtbusse auf ausgewählten Linien kostenfrei fahren, während Görlitz am Fahrschein festhält. Die polnische Nachbarstadt begründet den Schritt mit dem Abbau von Bürokratie; in Görlitz würde ein Nulltarif laut dortigem Verkehrsbetrieb erhebliche Einnahmeausfälle verursachen, die kommunal kompensiert werden müssten. Die unterschiedliche Weichenstellung sorgt beiderseits der Neiße für Debatten über Kosten, Nutzen und Prioritäten der Verkehrspolitik.
📊 Hintergrund und Abwägung Kostenloser ÖPNV ist politisch attraktiv, weil er niederschwellige Mobilität verspricht und Staus, Lärm und Emissionen reduzieren kann. Zugleich bleibt er nie gratis: Entfallende Fahrgeldeinnahmen müssen dauerhaft durch Steuern, Umlagen oder neue Abgaben ersetzt werden. Kommunen wägen daher zwischen Symbolkraft und fiskalischer Tragfähigkeit ab. In Grenzstädten wie Görlitz und Zgorzelec erschweren Verbund- und Tarifgrenzen, grenzüberschreitende Angebote und unterschiedliche Rechtsrahmen die Finanzierung. Wer die Preise senkt, muss die Qualität stabil halten – Takt, Zuverlässigkeit und Sicherheit entscheiden am Ende stärker über die Alltagstauglichkeit als das Preisschild allein.
⚙️ Zgorzelecs Modell Der Nulltarif ist bewusst auf das Stadtgebiet fokussiert: Seit dem 1. Januar 2026 sind die Linien 3, 4 und 5 für alle Fahrgäste kostenlos. An Fahrplänen und Linienwegen ändert sich nichts; am Wochenende wird wie zuvor seltener gefahren. Betreiber ist das städtische Unternehmen MPGK, das zum Start drei neue Busse einsetzt. Die grenzüberschreitende Linie A zwischen Zgorzelec und Görlitz bleibt kostenpflichtig. Die Botschaft: Entlastung des innerstädtischen Verkehrs, ohne den komplexeren und teureren Grenzverkehr in Mitleidenschaft zu ziehen.
💶 Görlitzer Perspektive In Görlitz sieht man von einem Nulltarif vorerst ab. Nach Angaben aus der Stadt argumentiert der Verkehrsbetrieb, dass ein Wegfall der Ticketumsätze „Millionensummen“ hinterließe, die die Kommune schultern müsste. Angesichts angespannter Haushalte und steigender Betriebskosten für Personal, Energie und Fahrzeuge wäre ein solches Dauersubstitut politisch riskant. Statt pauschaler Gratismodelle setzt man auf punktuelle Verbesserungen im Angebot und auf Verbundlösungen, die wirtschaftlich vertretbar sind.
🌉 Grenzverkehr als Prüfstein Die grenzüberschreitende Linie bleibt der Lackmustest: Sie zeigt, wie rasch gut gemeinte Gratisideen an realen Kosten- und Zuständigkeitsgrenzen enden. Unterschiedliche Rechtsrahmen und Tarifsysteme begrenzen einfache Lösungen und verlangen klare Zuständigkeiten sowie stabile Finanzierungswege. Gerade hier wird sichtbar, dass ein lokaler Nulltarif nicht automatisch grenzüberschreitende Angebote tragen kann.
🔎 Fazit Zgorzelec sendet mit seinem gezielten Nulltarif ein pragmatisches Signal: weniger Verwaltungsaufwand und mehr Einfachheit im Nahverkehr, jedoch begrenzt auf das lokal Finanzierbare. Görlitz betont haushalterische Vernunft: Ohne belastbaren Ausgleichsmechanismus wäre ein Nulltarif ein teures Versprechen zulasten anderer Pflichtaufgaben. Für beide Städte gilt: Entscheidend ist nicht die Schlagzeile „gratis“, sondern eine robuste Finanzierung, verlässliche Takte und ein Angebot, das tatsächlich vom Auto wegzieht.
🗨️ Kommentar der Redaktion Wer Freiheit der Mobilität ernst nimmt, muss zuerst Haushaltsdisziplin wahren. Zgorzelecs begrenzter Nulltarif ist ehrlicher Pragmatismus, weil er das Leistbare betont und den teuren Grenzverkehr ausklammert. Görlitz handelt verantwortungsvoll, indem es keinem politisch verführerischen, aber strukturell ungedeckten Geschenk nachgibt. Maßstab bleiben solide Gegenfinanzierung, verlässliche Takte und Sicherheit statt Schlagworten. Wer „gratis“ fordert, soll die „Millionensummen“ offen beziffern und dauerhaft decken – sonst droht Kahlschlag bei anderen Pflichtaufgaben.


