DAS NEUSTE

⚖️ Streit um Karenztag: Allianz-Chef fordert Selbstbeteiligung am ersten Krankheitstag

📰 Einleitung Mit einer provokanten Forderung hat Allianz-Chef Oliver Bäte eine Grundsatzdebatte über Verantwortung, Fairness und Kosten im deutschen Gesundheitssystem ausgelöst: Er plädiert dafür, die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag abzuschaffen – ein Karenztag. Begründet wird dies mit hohen Fehlzeiten und steigenden Ausgaben; Gewerkschaften warnen vor Fehlanreizen und gesundheitlichen Risiken.

🏛️ Hintergrund In Deutschland gilt seit Jahrzehnten: Wer krankgeschrieben ist, erhält ab dem ersten Tag sein Gehalt weiter. Diese Regel unterscheidet die Bundesrepublik von mehreren europäischen Staaten, in denen Karenztage existieren. Als Referenz führt Bäte internationale Beispiele sowie die Kostenentwicklung an. Auch historische Erfahrungen zeigen, dass Karenztage politisch umstritten sind – Frankreich führte sie im öffentlichen Dienst 2012 ein und schaffte sie 2014 wieder ab.

📊 Zahlen und Begründung Bäte stützt seinen Vorstoß auf folgende Kennzahlen:

  • Beschäftigte in Deutschland seien im Schnitt rund 20 Tage pro Jahr krankgemeldet; der EU-Durchschnitt liege bei etwa acht Tagen.
  • Arbeitgeber zahlten jährlich rund 77 Milliarden Euro für krankheitsbedingte Ausfälle; die gesetzlichen Kassen zusätzlich etwa 19 Milliarden Euro – zusammen rund sechs Prozent der Sozialausgaben, gegenüber EU-weit etwa 3,5 Prozent.
  • Ein Karenztag solle kurzfristige Krankmeldungen reduzieren und das System finanziell entlasten.

🧠 Effizienzdebatte Über den Karenztag hinaus mahnt Bäte eine grundsätzliche Effizienzdebatte an: Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen hätten 2024 bei etwa 289 Milliarden Euro gelegen; durch bessere Organisation seien Milliarden-Einsparungen denkbar.

⚠️ Kritik und Risiken Der Deutsche Gewerkschaftsbund hält den Vorstoß für „zutiefst ungerecht“ und verweist auf das verbreitete Phänomen des Präsentismus: Viele Beschäftigte gingen bereits heute krank zur Arbeit – mit Folgekosten durch Ansteckungen und Fehlern. Eine Selbstbeteiligung am ersten Krankheitstag könne den Druck erhöhen und die Gesundheit am Arbeitsplatz untergraben. Kritiker warnen zudem, dass ein Karenztag Haushalte mit niedrigem Einkommen überproportional träfe.

Argumente der Befürworter Befürworter verweisen demgegenüber auf Eigenverantwortung, Missbrauchsprävention und Standortwettbewerb. Sie sehen in einem Karenztag ein marktwirtschaftliches Signal, das Fehlanreize begrenzen und disziplinierend wirken könne.

🔎 Einordnung und Ausblick Bätes Vorstoß markiert eine konservative Zumutung im Wortsinn: Er stellt Selbstbeteiligung und Effizienz über gewachsene Absicherungen – und zwingt Politik wie Sozialpartner zu Klarheit über Prioritäten. Wer die Kostenexplosion bremsen will, muss belastbare Daten, internationale Evidenz und Folgewirkungen wie Präsentismus, Produktivität und Verteilungseffekte nüchtern gegeneinander abwägen. Ein Karenztag wäre ein spürbares Signal, aber kein Allheilmittel. Ob er gerecht und wirksam wäre, entscheidet sich an der konkreten Ausgestaltung – flankiert von besserer Datentransparenz, zielgenauer Prävention und verlässlichen Regeln gegen Missbrauch. Bis dahin gilt: Die Debatte über Verantwortung im Krankheitsfall ist eröffnet – und sie verlangt mehr als einfache Antworten.

🗨️ Kommentar der Redaktion Wer Ausgabenexplosion und Fehlanreize ernsthaft begrenzen will, darf vor einem Karenztag nicht zurückschrecken. Ein maßvoll ausgestalteter erster Selbstbeteiligungstag setzt ein notwendiges Signal der Eigenverantwortung, sofern sensible Gruppen geschützt und klare Anti-Missbrauchsregeln umgesetzt werden. Die pauschale Ablehnung verkennt die finanziellen Realitäten und verschiebt Reformen auf den Sankt-Nimmerleinstag. Gewerkschaften sind gefordert, tragfähige Alternativen zur Kostendämpfung vorzulegen, statt nur zu warnen. Verantwortung und Fürsorge schließen sich nicht aus – sie brauchen klare Regeln, verlässliche Daten und den Mut, unangenehme Wahrheiten auszusprechen.

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