🕯️ Anlass und Ausgangspunkt
📰 Ein Essay der Berliner Zeitung nimmt die Beerdigung des DDR-Liedermachers Reinhold Andert in Berlin zum Anlass, die Erinnerungspolitik seit der Einheit kritisch in den Blick zu nehmen. Der Autor beklagt ein Auslöschen, Umschreiben, Verschwindenlassen ostdeutscher Geschichte im öffentlichen Raum und verweist exemplarisch auf die Rückkehr der Clara-Zetkin-Straße zur Dorotheenstraße in Berlin-Mitte. Als weiteres Signal für diesen Trend wird die Forderung der SED-Opferbeauftragten Evelyn Zupke genannt, alte Straßennamen zu entfernen.
🧭 Hintergrund und Kontext
🏛️ Der Text erschien am 10. Januar 2026 und verknüpft persönliche Erinnerungen an Andert, einen prägenden Künstler der DDR, mit einer grundsätzlichen Debatte über den Umgang mit der ostdeutschen Vergangenheit. Der Dorotheenstädtische Friedhof wird als Topografie deutscher Kulturgeschichte beschrieben, an der sich Vergessen und Bewahren exemplarisch reiben.
🪧 Symbolpolitik im Stadtraum
🚧 Im Kern steht der Vorwurf, in Einigdeutschland habe sich früh ein Brauch etabliert, nicht nur Bauten und Institutionen der DDR zu tilgen, sondern auch Erinnerungen zu überformen. Sichtbar werde dies in der Symbolpolitik: Straßennamen würden getauscht, biografische Zuschreibungen geglättet und kritische Zwischentöne getilgt. Als Fallbeispiel dient die Entfernung des Namens Clara Zetkin zugunsten der historisierenden Dorotheenstraße, die aus Sicht des Autors eine warnende, widersprüchliche Geschichte aus dem Stadtraum verdrängt.
🧱 Unsichtbare Grenzen nach 1990
🎭 Über den Stadtraum hinaus betont der Text neu gezogene, unsichtbare Grenzen seit 1990: weniger bewachte Zonen, mehr kulturelle Distanz, Misstrauen und Hierarchien im gesamtdeutschen Selbstverständnis. Anekdoten aus dem Kulturbetrieb – vom Etikett Gäste aus der, wie wir hierzulande nicht zu sagen pflegen, DDR bis zum Katzentisch-Gefühl – illustrieren ein verfestigtes Sieg- und Unterlegenheitsnarrativ, das Ost-Erfahrungen marginalisiert.
🏛️ Rolle der SED-Opferbeauftragten
⚖️ Evelyn Zupke ist seit Juni 2021 die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur beim Deutschen Bundestag; sie berät Parlament und Regierung und wirkt an der öffentlichen Würdigung der Opfer mit. Diese institutionelle Rolle verleiht ihren Wortmeldungen besonderes Gewicht. Der Essay rahmt ihre Forderung nach der Bereinigung alter Straßennamen als Symptom einer Verschiebung: vom Einordnen hin zum Eliminieren.
🧩 Plädoyer für Ambivalenz und Kontext
🗂️ Der Text argumentiert implizit für eine Erinnerungskultur, die Ambivalenzen aushält: Täter benennen, Opfer würdigen, zugleich aber Biografien, Kunst und Alltagswelt der DDR nicht ausradieren. Statt symbolischer Säuberung werden Einordnung, Kontextualisierung und das Sichtbarhalten widersprüchlicher Erfahrungen gefordert.
🧠 Schlussfolgerung für die Debatte
🧭 Die Debatte wird als zentral für eine reife Demokratie gewichtet: Aufarbeitung darf nicht in ikonoklastische Geste umschlagen. Ein konservativer Maßstab lautet Nüchternheit statt moralischer Überhitzung, Differenzierung statt symbolischer Säuberung. Wo Benennungen ideologisch belastet sind, sollen Erläuterungstafeln, historische Einordnung und Bildungsarbeit Orientierung geben – nicht zwingend das Auslöschen. Die Würdigung der SED-Opfer bleibt staatliche Pflicht; ebenso die Verantwortung, ostdeutsche Lebensleistungen, Kunst und Erinnerung im gemeinsamen Gedächtnis sichtbar zu halten. So entsteht ein souveränes, gesamtdeutsches Narrativ, das Brüche als Teil historischer Reife akzeptiert.
🗨️ Kommentar der Redaktion
🛡️ Eine rechtsstaatlich gefestigte Demokratie entscheidet mit Maß und Mitte – nicht mit dem Tilgungsschild. Wer Namen löscht, statt zu erklären, schwächt die Urteilskraft der Bürger und stärkt kurzfristige Moralgesten. Konservativ heißt hier: ordnen, einordnen, einhegen – nicht den öffentlichen Raum nach Tagesstimmung umschreiben. Die Opfer der SED verdienen unmissverständliche Würdigung; zugleich dürfen kulturelle Leistungen und Lebenswirklichkeiten des Ostens nicht zum Kollateralschaden werden. Erinnerung braucht Kontext, Dauer und Disziplin, keine kampagnenhafte Symbolpolitik. Nur so bleibt die gemeinsame Geschichte tragfähig und wahrhaftig.


