🗓️ Jahrestag und Debatte Am 3. Januar 2026 jährte sich der Geburtstag Wilhelm Piecks zum 150. Mal und rĂĽckt die Frage der historischen Einordnung neu in den Blick. Die Berliner Zeitung wĂĽrdigt Pieck als „freundliches Gesicht“ der frĂĽhen DDR, als Antifaschisten und Patrioten, und verweist zugleich auf die aktuelle Auseinandersetzung: Die SED-Opferbeauftragte des Bundestages, Evelyn Zupke, hat gefordert, StraĂźen nicht länger nach Lenin, Otto Grotewohl oder Wilhelm Pieck zu benennen. Zwischen ehrender Erinnerung und kritischer Distanz spannt sich damit der Rahmen, in dem heute ĂĽber Pieck gesprochen wird.
📜 Biografischer Hintergrund Wilhelm Pieck wurde am 3. Januar 1876 in Guben als Sohn eines Kutschers geboren, absolvierte eine Tischlerlehre und engagierte sich frĂĽh in Gewerkschaft und SPD. Im Ersten Weltkrieg wandte er sich gegen den „Burgfrieden“, schloss sich der Spartakusgruppe an und gehörte zu den MitbegrĂĽndern der KPD. In der Zwischenkriegszeit bekleidete er Funktionen in Partei und Komintern, ging 1933 ins Exil und kehrte am 1. Juli 1945 nach Berlin zurĂĽck. 1945/46 forcierte er als KPD-Vorsitzender die Vereinigung mit der SPD; am 22. April 1946 wurde er gemeinsam mit Otto Grotewohl Vorsitzender der SED. Am 11. Oktober 1949 wählte ihn die provisorische Volkskammer zum Präsidenten der neu gegrĂĽndeten DDR. Er starb am 7. September 1960 in Berlin.
🏛️ Rolle im frĂĽhen DDR-Staat Die Berliner Zeitung zeichnet Pieck als „nahbaren“ Repräsentanten des neuen Staates, der in der öffentlichen Darstellung der frĂĽhen DDR bewusst als verbindliche, unaufgeregte Figur eingesetzt wurde. Dies korrespondierte mit seiner Rolle als Staatsoberhaupt ab 1949, die protokollarische Repräsentation mit Integrationssignalen nach innen verband. Zugleich geschah dies innerhalb eines politischen Systems, dessen Grundsätze und Parteistatuten Pieck im Vereinigungsprozess 1945/46 maĂźgeblich mitprägte. Diese Prägung war fĂĽr die Ordnung der frĂĽhen DDR konstitutiv.
đź§ Erinnerungspolitik im Streit Evelyn Zupkes VorstoĂź, verbliebene StraĂźennamen wie „PieckstraĂźe“ oder „LeninstraĂźe“ 35 Jahre nach der Einheit zu tilgen, verweist auf den normativen Kern der Erinnerungspolitik: Wer dauerhaft im öffentlichen Raum geehrt wird, soll Vorbildcharakter fĂĽr die demokratische Gegenwart besitzen. Die Debatte macht sichtbar, dass Piecks Biografie als Antifaschist, kommunistischer Parteikader und Staatspräsident ambivalente Signale aussendet und heute differenziert betrachtet werden muss.
⚖️ Konservative Bilanz Eine konservative Bilanz würdigt Piecks Antikriegshaltung, Verfolgungserfahrung und seine Fähigkeit zur Organisation, hält aber ebenso fest, dass er entscheidend an der Formierung einer parteistaatlichen Ordnung beteiligt war, deren Freiheitsbilanz problematisch ist. Gedenkpolitik sollte diese Ambivalenz offen benennen: Respekt vor der historischen Person ersetzt nicht die kritische Prüfung ihrer politischen Hinterlassenschaft. Wer im öffentlichen Raum geehrt wird, muss sich an freiheitlich-demokratischen Maßstäben messen lassen, auch und gerade an einem 150. Geburtstag.
🗨️ Kommentar der Redaktion Jubiläen sind keine Absolution: Erinnerung hat dem Maßstab der freiheitlich-demokratischen Ordnung zu dienen. Piecks Antifaschismus und Organisationstalent wiegen seine Mitwirkung an der Formierung einer parteistaatlichen Ordnung mit problematischer Freiheitsbilanz nicht auf. Öffentliche Straßennamen sind Ehrungen für Vorbilder der Demokratie; wo dieser Maßstab nicht erfüllt ist, gehören solche Namen konsequent geändert. Zupkes Anstoß ist folgerichtig und im Interesse einer klaren Erinnerungskultur. Wer die Ordnung der frühen DDR maßgeblich prägte, kann nicht als Leitbild für den öffentlichen Raum taugen.


