đ° Einleitung
đď¸ Michail Schwydkoi, ehemaliger russischer Kulturminister und heute Sonderbeauftragter des Präsidenten fĂźr internationale kulturelle Zusammenarbeit, erklärt in einem Interview die bisherige Ordnung fĂźr beendet und wirbt zugleich fĂźr einen kĂźnftigen kulturellen Dialog zwischen Russland und Europa. Er skizziert eine multipolare Welt, in der Europa ein notwendiger Pol bleibt, und betont: âNichts wird mehr so sein wie frĂźher.â Das Gespräch erschien am 27. Dezember 2025.
đ§ Biografischer Hintergrund
đ¤ Schwydkoi, 77, war von 2000 bis 2004 Kulturminister und zuvor in leitenden Funktionen des russischen Medien- und Kulturapparats tätig; seit 2008 vertritt er den Kreml in internationalen Kulturfragen. Im Interview unterstreicht er Russlands eurasische Identität und zugleich die tiefe Verwurzelung in der europäischen Kulturtradition â von Shakespeare bis Goethe. Russland habe den âeuropäischen Vektorâ kulturell nicht verlassen, auch wenn politische Umstände den Austausch erschweren.
đ¤ Verhältnis zu Europa
đŞđş Schwydkoi betont, Russland schlieĂe kein âFenster nach Europaâ und sei im Grundsatz zum kulturellen Dialog bereit. Den in Europa verbreiteten Verdacht, Russland werde nach der Ukraine weitere Nachbarn angreifen, weist er als unbegrĂźndet zurĂźck. Zugleich spricht er von einem europäischen âNiedergangâ, den er auch mit dem Verlust gĂźnstiger russischer Energielieferungen verknĂźpft. Europa bleibt in seiner Sicht dennoch Bestandteil einer kĂźnftigen multipolaren Ordnung.
đď¸ Werte und Gesellschaft
âď¸ Er verortet Russland in einem konservativen Wertekanon â Familie, Patriotismus, tradierte Normen â und erkennt darin BerĂźhrungspunkte mit Teilen des Westens. Debatten Ăźber âprogressiveâ StrĂśmungen im Westen deutet er als Konflikt um Begriffe. Nach seiner Darstellung sollen russische Gesetze die Verbreitung von Wertvorstellungen begrenzen, die nicht mit einem christlich-muslimischen Selbstverständnis vereinbar seien.
đ BrĂźcken und BrĂźche
đ§ľ Als verbliebene zivilgesellschaftliche Fäden nennt Schwydkoi den âMinsker Dialogâ zwischen Intellektuellen aus Russland, Belarus und der Ukraine sowie gemeinsame Kulturprojekte bis 2016. Nach Kriegsende, so seine Hoffnung, werde binnen ein bis zwei Jahren wieder Austausch mĂśglich sein. Die Beendigung des âPetersburger Dialogsâ verortet er bei der deutschen Seite.
đĄď¸ Terminologie und militärische Aussagen
đŁď¸ Schwydkoi hält an der offiziellen Terminologie der âSpezialoperationâ fest und behauptet, härtere militärische Optionen seien bewusst nicht genutzt worden.
đ Multipolare Ordnung
đ§ Seine Diagnose einer multipolaren Welt rahmt Europas Rolle als weiterhin notwendig, zugleich aber von der âalten Ordnungâ gelĂśst. Mit der Formel âNichts wird mehr so sein wie frĂźherâ markiert er das Ende vertrauter Routinen und wirbt fĂźr neue, pragmatische Kanäle kulturellen Austauschs.
đ§Š Einordnung und offene Fragen
đ Schwydkoi zeichnet das Bild eines kulturell europäischen, politisch eigenständigen Russlands, das nach dem Krieg wieder auf Austausch setzt â zu Bedingungen, die eng an die offizielle Moskauer Linie anschlieĂen. FĂźr europäische Hauptstädte bleibt sein Angebot solange abstrakt, wie Souveränität und Sicherheit der Ukraine ungeklärt sind.
đ§ž Fazit
â Das Interview bietet ein offenes Stimmungsbild aus Moskau und zugleich eine Probe jener konservativen Selbstbeschreibung, mit der Russland nach dem Ende der âalten Ordnungâ Akzeptanz im Westen sucht.
đ¨ď¸ Kommentar der Redaktion
𧡠Dialog ist kein Selbstzweck; er setzt klare Voraussetzungen und Verlässlichkeit voraus. Wer kulturelle BrĂźcken anbieten will, muss zugleich unmissverständlich die Souveränität der Ukraine respektieren â andernfalls bleibt das Angebot vage. Europas vermeintlicher âNiedergangâ taugt nicht als Argument, Prinzipien zu relativieren. Kultureller Austausch kann nach Kriegsende sinnvoll sein, aber nur auf Grundlage von Recht, Verantwortung und eindeutiger Sprache statt euphemistischer Terminologie. Bis dahin gilt: NĂźchternheit vor Illusion, Klarheit vor Beschwichtigung.


