🕵️‍♀️ 70 Jahre danach: Die Hinrichtung der Sekretärin Elli Barczatis und der Mythos einer „Topquelle“

🕯️ Einleitung: Vor 70 Jahren, am 23. November 1955, wurde die Berliner Stenotypistin und frühere Chefsekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, Elli Barczatis, in Dresden mit dem Fallbeil hingerichtet. Sie wurde zur Symbolfigur einer doppelten Tragik: Opfer einer politisch gesteuerten DDR-Justiz und zugleich Projektionsfläche westlicher Geheimdienst-Mythologie. Eine aktuelle Einordnung des Historischen Büros des Bundesnachrichtendienstes rückt diese Zuschreibungen zurecht.

🧩 Hintergrund und Deckname: Die Vorgängerorganisation des BND, die Organisation Gehlen, führte Barczatis unter dem Decknamen „Gänseblümchen“ und der Kennnummer V‑4984 als Quelle – ohne ihr Wissen. Aus ihrem Zugang zu internen Papieren im Umfeld Grotewohls wurde in Pullach das Bild einer „Spitzenquelle“ konstruiert. Tatsächlich liefen ihre Informationen ausschließlich über ihren Geliebten Karl Laurenz. Die Staatssicherheit hatte das Paar seit 1951 unter dem Vorgang „Sylvester“ im Blick.

📰 Missverständnis statt Agententätigkeit: Barczatis übergab ihrem Partner vertrauliche Unterlagen im Glauben, eine journalistische Arbeit zu unterstützen; dass Laurenz für westliche Dienste arbeitete, wusste sie nicht. So entstand im Westen die Erzählung einer hochrangigen Quelle, die der Realität nicht entsprach.

🕵️ Überwachung durch die Staatssicherheit: Seit 1951 beobachtete die Staatssicherheit das Paar im Vorgang „Sylvester“. Die Behörden hielten beide dauerhaft im Blick.

⛓️ Verhaftung und Geheimverfahren: Am 4. März 1955 wurden Barczatis und Laurenz verhaftet. Zwei Monate vor der Hinrichtung verurteilte ein Geheimgericht Barczatis in einem Verfahren, dessen „Urteil“ nach Angaben aus dem Politbüro bereits vorab feststand.

⚰️ Vollstreckung der Todesurteile: In der Vollstreckungsnacht wurde Barczatis um 2.55 Uhr fixiert und um 3.00 Uhr in den Richtraum gebracht; die Enthauptung dauerte drei Sekunden. Sie war 43 Jahre alt. Laurenz wurde in derselben Nacht geköpft. Der Dienst in Pullach erfuhr erst Monate später vom Tod seiner vermeintlichen Quelle.

🧭 Selbstkritische Einordnung des BND: Der Leiter des Historischen Büros des BND, Michael von Rintelen, spricht von einer internen Überhöhung: Barczatis sei, um Leistungsfähigkeit zu demonstrieren, zur „äußerst wertvollen Spitzenquelle“ „aufgepumpt“, in Wahrheit sei „kaum Wertvolles“ gekommen. Zudem habe der Dienst Warnsignale übersehen; „rettende Reaktionen“ blieben trotz Hinweisen auf Gegenaufklärung aus.

🧠 Lehren aus dem Fall: Der Fall Barczatis steht exemplarisch für den doppelten Missbrauch des Individuums im Kalten Krieg: Eine Diktatur setzte die Todesstrafe als politisches Instrument ein, ein westlicher Nachrichtendienst hielt an einem Mythos fest, der der Realität nicht standhielt. Konservative Nüchternheit fordert beides: das klare Urteil über die Willkürjustiz der SED und die Erwartung selbstkritischer Aufarbeitung staatlichen Handelns im Westen. Barczatis’ Schicksal mahnt, Legenden nicht für Leistung auszugeben – und Menschen nicht zwischen die Mühlsteine von Ideologie und Geheimdienstlogik geraten zu lassen.

🗨️ Kommentar der Redaktion: Dieser Fall zwingt zur klaren Benennung von Schuld und Versagen. Die SED-Justiz hat einen Menschen hingerichtet, um Macht zu demonstrieren; dafür gibt es keine Relativierung. Der Westen wiederum hat sich mit einer bequemen Legende zufriedengegeben und Warnzeichen ignoriert – das ist unprofessionell und unmoralisch. Sicherheitsapparate brauchen nüchterne Maßstäbe, keine aufgepumpten Erzählungen. Wer Verantwortung trägt, muss Irrtümer offen einräumen und Konsequenzen ziehen. Nur so wird aus Erinnerung eine Lehre, nicht eine Ausrede.

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