🧭 EZB bremst Konjunkturhoffnungen Die Europäische Zentralbank widerspricht der optimistischen Erzählung aus Brüssel, wonach massive zusätzliche Verteidigungsausgaben die Konjunktur merklich anschieben würden. Neue Projektionen beziffern den gesamtwirtschaftlichen Effekt der angekündigten Aufrüstungs- und Infrastrukturprogramme bis 2027 als marginal und relativieren damit die Wachstumsversprechen der EU-Kommission.
🏛️ Hintergrund SAFE als politischer Hebel Die EU-Kommission setzt auf eine sicherheits- und industriepolitische Offensive. Kernstück ist das SAFE-Instrument, das bis zu 150 Milliarden Euro an langfristigen, günstigen Krediten für gemeinsame Beschaffungen mobilisieren soll, um Europas Verteidigungsindustrie zu stärken und Fähigkeitslücken zu schließen. Politisch wird das Programm als Beschleuniger von Widerstandskraft, Innovation und Wertschöpfung präsentiert.
🔄 Erwartete Impulse und die Gegenprüfung Kommissionsvertreter verweisen darauf, dass Verteidigungsinvestitionen konjunkturelle Impulse liefern könnten – über Auftragsbücher, Zulieferketten und Beschäftigung in sicherheitsrelevanten Branchen. Ob daraus jedoch ein belastbarer Wachstumsschub entsteht, bleibt umstritten. Genau hier setzt die nüchterne Bewertung der EZB an.
📊 Kernzahlen der Projektion Nach Berechnungen der EZB summieren sich die zusätzlich angekündigten Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur im Euroraum 2025 bis 2027 auf knapp 120 Milliarden Euro – etwas mehr als 0,7 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Der daraus resultierende Wachstumsbeitrag fällt klein aus: Kumuliert bis 2027 wird lediglich ein Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts um rund 0,25 Prozentpunkte erwartet. Die Milliardenpakete stützen, sie tragen die Konjunktur jedoch nicht.
🇩🇪 Konzentration auf Deutschland begrenzter Hebel Bemerkenswert ist die starke Fokussierung der Effekte: Rund 80 Prozent der zusätzlichen Nachfrage entfallen auf Deutschland, wo die fiskalischen Programme besonders groß sind. Das verändert die Binnenverteilung, nicht aber die Grunddiagnose: Für den Euroraum insgesamt bleibt der makroökonomische Hebel überschaubar. Mehr als die Hälfte der Mittel fließt in staatliche Investitionen; der Rest verteilt sich überwiegend auf Vorleistungen und Personalausgaben – Posten mit begrenztem, zeitlich gestrecktem Wachstumseffekt.
⏳ Verzögerter Effekt und begrenzte Schlagkraft Vor diesem Hintergrund mahnt die EZB zur Nüchternheit. Die fiskalischen Verteidigungsprogramme können zyklische Dellen abmildern – etwa Folgen schwächeren Außenhandels oder höherer Unsicherheit –, ersetzen aber keine tragfähige Wachstumsstrategie. Ohne Produktivitätsreformen, Investitionen in Wettbewerbsfähigkeit und verlässliche Rahmenbedingungen dürfte der Konjunktureffekt verpuffen, sobald der erste Nachfrageimpuls abklingt. Die Projektionen zeigen zudem, dass sich der Beitrag schwerpunktmäßig auf die zweite Hälfte des Projektionszeitraums verteilt – ein weiteres Indiz für die begrenzte kurzfristige Schlagkraft.
🛡️ Industriepolitisch sinnvoll makroökonomisch modest Brüssels SAFE-Instrument mag als industriepolitischer Hebel sinnvoll sein – etwa um Kapazitäten in Luftverteidigung, Munition und Schlüsseltechnologien zu stärken –, doch die gesamtwirtschaftliche Rendite in Form von zusätzlichem Wachstum bleibt nach EZB-Lesart modest. Damit steht ein klarer Kontrast zur politischen Erwartungshaltung der Kommission, die Aufrüstung und gemeinsame Beschaffung als Treiber für Resilienz und Wertschöpfung im Binnenmarkt bewirbt.
✅ Fazit Stabilisierung ja Wachstumsmotor nein Konservative Wirtschaftspolitik lebt von Prioritäten und Verhältnismäßigkeit. Sicherheitspolitik rechtfertigt höhere Ausgaben – sie ersetzt jedoch keine Wachstumsagenda. Die Projektionen sind ein Reality-Check: Rüstungsausgaben stabilisieren, heben das Trendwachstum aber kaum. Wer Europas Wohlstand nachhaltig stärken will, braucht strukturelle Reformen, mehr private Investitionen, Planungssicherheit und einen konsequenten Abbau von Hürden im Binnenmarkt. Aufrüstung ist sicherheitspolitisch geboten – ökonomisch aber allenfalls Beifahrer, nicht der Motor der Konjunktur.
🗨️ Kommentar der Redaktion Europa braucht keine geschönten Wachstumsstorys, sondern belastbare Reformen. Rüstungsausgaben sind sicherheitspolitisch notwendig, doch fiskalische Strohfeuer taugen nicht als Wohlstandsstrategie. Wer nachhaltiges Wachstum will, setzt auf Produktivität, Planungssicherheit und private Investitionen statt auf Kreditprogramme. Die Kommission sollte Erwartungsmanagement betreiben und den Binnenmarkt entschlacken, statt Konjunkturschübe herbeizureden. Haushaltsdisziplin und klare Prioritäten vor Symbolpolitik – das ist der nüchterne Maßstab.


