📰 Die Empfehlung im Überblick Der Bürgerrat Bildung und Lernen empfiehlt, bis einschließlich Klasse 8 auf Ziffernnoten zu verzichten und sie erst ab der neunten Jahrgangsstufe wieder einzuführen – flankiert von individuellem Lern-Feedback. Der Vorstoß trifft einen Nerv: Befürworter sehen mehr Chancengerechtigkeit, Kritiker warnen vor fehlender Leistungsorientierung und mangelnder Vergleichbarkeit über Schularten und Länder hinweg. Die Empfehlung berührt Grundfragen von Leistung, Selektion und Fairness im deutschen Bildungssystem.
🧭 Wer hinter dem Vorschlag steht Der Bürgerrat ist eine zivilgesellschaftliche Initiative der Montag Stiftung Denkwerkstatt, kein von Parlamenten beauftragtes Gremium. Seit 2021 wirkten mehr als 700 nach dem Losprinzip ausgewählte Bürgerinnen und Bürger mit; die jüngsten Empfehlungen wurden am 23./24. November in Leipzig von rund 120 Teilnehmenden beschlossen. Ziel ist es, politiknahe Impulse für Reformen zu formulieren.
📉 Dringlichkeit durch Leistungsbefunde Nach PISA 2022 rangiert Deutschland in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften so schwach wie nie, zugleich verfehlt laut IGLU ein Viertel der Viertklässler das Mindestniveau im Lesen. Vor diesem Befund will der Bürgerrat mehr Freiheit beim Lernen mit Verlässlichkeit verbinden und die Bewertungspraxis neu justieren.
🧩 Kernpunkte der Empfehlung In den Klassen 1 bis 8 erhalten Schülerinnen und Schüler ausschließlich differenziertes Lern-Feedback; ab Klasse 9 werden Noten ergänzend vergeben. In der Auswertung verbuchte der Vorschlag deutliche Mehrheiten – 77 Prozent Zustimmung bei Erwachsenen und 88 Prozent bei Kindern und Jugendlichen.
🕒 Weitere Vorschläge des Bürgerrats Parallel regt der Bürgerrat an, klassische Hausaufgaben abzuschaffen und durch Vertiefungsstunden im Stundenplan zu ersetzen; hierfür werden 71 Prozent Zustimmung bei Erwachsenen und 88 Prozent bei Kindern und Jugendlichen ausgewiesen. Für das Modell sich prüfen lassen, wenn man soweit ist vermerkt das Papier ausdrücklich kein klares Abstimmungsergebnis; zentrale Prüfungen wie das Abitur blieben davon unberührt.
🏛️ Prozess und Umsetzung Die Empfehlungen wurden unabhängig erarbeitet und sollen der Politik als Entscheidungsvorlage übermittelt werden. Zugleich wird betont, dass Reformen in Deutschland langen Atem benötigen.
⚖️ Argumente pro und contra Befürworter erwarten fairere, individuellere Rückmeldungen und damit mehr Chancengerechtigkeit, insbesondere in heterogenen Klassen. Kritiker befürchten hingegen eine Verwässerung der Leistungsorientierung sowie fehlende Vergleichbarkeit über Schularten und Länder hinweg.
🧪 Konservative Einordnung Aus konservativer Perspektive handelt es sich um eine anspruchsvolle Gratwanderung. Der Anspruch, Rückmeldungen lernförderlicher zu gestalten, ist positiv. Zugleich wirft ein späterer Einstieg in die Notengebung systemische Fragen auf: Ohne verlässliche, vergleichbare Leistungsindikatoren über alle Sekundarstufen hinweg drohen Intransparenz und Reibungsverluste, etwa bei Übergängen in die berufliche Bildung und bei der Vergabe von Fördermöglichkeiten.
🧰 Vorschlag für das weitere Vorgehen Realistisch erscheint ein zweistufiges Vorgehen mit evidenzbasierten Pilotierungen und klaren Messpunkten, strikten Vergleichsrahmen und wo passend mehr qualifiziertem Feedback, ohne den Anspruch auf objektivierbare Leistung zu relativieren. Entscheidend wird sein, ob die vorgeschlagene neue Bewertungskultur nachweislich zu besseren Ergebnissen führt, ohne Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit preiszugeben.
🗨️ Kommentar der Redaktion Wer Noten bis Klasse 9 aussetzt, riskiert ohne belastbare Sicherungen einen Abschied von klarer Leistungsorientierung. Qualifiziertes Feedback ist wichtig, ersetzt aber keine transparenten Maßstäbe, die für Eltern, Betriebe und Schulen verbindlich nachvollziehbar sind. Ohne verlässliche Vergleichbarkeit drohen Brüche an Übergängen und Fehlsteuerungen bei Förderentscheidungen. Eine breite Umsetzung darf erst nach harten, extern überprüfbaren Pilotnachweisen erfolgen. Bis dahin muss Leistung klar messbar bleiben und der Anspruch auf objektive Vergleichbarkeit unangetastet.


