Einzigartige Baukultur zwischen Blockbau, Fachwerk und Siedlungsgeschichte
Die Umgebindehäuser sind architektonische Wahrzeichen der Oberlausitz und zeugen von einer besonderen Siedlungs- und Baugeschichte. Ihre charakteristische Mischbauweise ist weltweit nahezu einmalig – und fest mit der kulturellen Identität der Region verbunden.
🗺️ Ursprung und Siedlungsgeschichte
Die Wurzeln der Umgebindehäuser reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, als die deutsche Ostsiedlung in den Grenzgebieten zu Böhmen und Schlesien voranschritt. Slawische und deutsche Siedler trafen aufeinander, ihre Bautraditionen verschmolzen.
🏠 Blockbau aus dem slawischen Raum
🔨 Fachwerk aus westdeutschem Gebiet
Das Ergebnis war eine hybride Bauform, die vor allem in der Oberlausitz, aber auch im böhmischen Nordosten Tschechiens und im polnischen Niederschlesien entstand – ein typisches Beispiel für kulturellen Austausch.
🧱 Bauweise und Struktur des Umgebindehauses
Ein Umgebindehaus besteht aus drei klar unterscheidbaren Bauteilen:
🔹 Blockstube (Wohnteil)
- aus massiven Holzbohlen
- gute Isolierung, wärmend
- tragendes Element für die Wohnräume
🔹 Umgebinde (Ständerwerk)
- hölzernes Tragwerk um den Wohnteil
- entlastet die Blockstube vom Gewicht des Obergeschosses und Daches
- schützt bei Setzungen des Fachwerks
🔹 H3: Fachwerk-Obergeschoss
- dient oft als Lagerraum oder Schlafbereich
- dekorative Ausfachungen mit Lehm oder Ziegeln
- teilweise verschieferte Fassaden
🌍 Regionale Unterschiede und Besonderheiten
Obwohl Umgebindehäuser ein einheitliches Grundprinzip teilen, zeigen sich regional zahlreiche Unterschiede:
Region | Besonderheiten |
---|---|
Großschönau / Seifhennersdorf | Doppelstubenhäuser, großer Dachüberstand, webertypische Fenster |
Zittauer Gebirge | Hanglage, oft mit Naturstein-Sockel, Schieferverkleidung |
Obercunnersdorf / Herrnhut | detailliertes Fachwerkdekor, aufwändige Schnitzereien, Rauten- und Flechtmuster |
Böhmisches Gebiet (Tschechien) | kleinere Grundflächen, regionale Dachformen, dunkle Holzverkleidung |
Diese Unterschiede spiegeln den Einfluss lokaler Baustile, Ressourcen und Handwerkstraditionen wider.
🧑🌾 Wer lebte in einem Umgebindehaus?
Ursprünglich bewohnten vor allem Leineweber, Kleingewerbetreibende, Kleinhändler und Handwerker diese Häuser. Die Kombination aus Wohnraum und Arbeitsstätte war ideal:
🧵 In der Blockstube wurde gewebt
🥣 In der Küche gekocht
🛏️ Im Obergeschoss gewohnt
So war das Umgebindehaus nicht nur ein Heim, sondern auch Produktionsort – ein frühes Beispiel für Wohn-Arbeits-Kombinationen.
🏗️ Historische Bedeutung und Denkmalpflege
Heute stehen tausende Umgebindehäuser unter Denkmalschutz. Der Großteil wurde im 18. und 19. Jahrhundert errichtet und prägt noch heute das Dorfbild vieler Gemeinden.
🎯 Wichtige Maßnahmen zur Erhaltung:
- Förderprogramme (z. B. Leader, Denkmalpflegeförderung Sachsen)
- Wiederbelebung durch Ferienwohnungen, Cafés, Ateliers
- Tag des Umgebindehauses (jährlich im Juni)
Ein restauriertes Umgebindehaus ist ein Stück gelebte Geschichte und zieht Touristen, Architekturfans und Heimatfreunde gleichermaßen an.
🧭 Fazit: Die Umgebindehäuser als Seele der Oberlausitz
Sie sind mehr als Gebäude – sie erzählen von Siedlungsbewegungen, handwerklichem Geschick und kulturellem Austausch. Als architektonische Rarität sind sie identitätsstiftend und zukunftsweisend für den nachhaltigen Tourismus in der Oberlausitz.