Debatte um AKW-Pläne in Tschechien: Landtag uneins über Kurs

Tusimice-Reaktor nahe der Grenze sorgt für politische Spannungen

Dresden/Zittau – Die Pläne für ein neues Atomkraftwerk im tschechischen Tusimice, nur 16 Kilometer von der sächsischen Grenze entfernt, haben am Dienstag im Sächsischen Landtag für eine kontroverse Debatte gesorgt. Während Umweltpolitiker und Linke vor Risiken warnen, verteidigt die CDU den tschechischen Kurs als souveräne Entscheidung. Die AfD fordert sogar den Neubau eigener AKWs in Sachsen.

Grüne, SPD und Linke warnen vor Risiko und Experiment

Die Grünen, die die Debatte angestoßen hatten, zeigten sich alarmiert: Thomas Löser, energiepolitischer Sprecher der Fraktion, bezeichnete das Vorhaben als „Risiko für kommende Generationen“. Die geplante Reaktortechnologie – sogenannte Small Modular Reactors (SMR) – sei unerprobt, teuer und werfe ungelöste Fragen beim Endlager auf.

Auch Simone Lang (SPD) warnte vor den Plänen: „Die SMR sind ein Experiment mit unserer Heimat als Versuchslabor.“ Die Menschen im Erzgebirge reagierten mit „Wut, Sorge und Fassungslosigkeit“. Beide Fraktionen fordern ein klares Nein aus Sachsen und rufen zur Beteiligung an der Umweltverträglichkeitsprüfung auf, die noch bis zum 14. Juli möglich ist.

Stefan Hartmann (Linke) forderte den Ausbau erneuerbarer Energien und verwies auf Deutschland als Teil eines europäischen Energienetzes: „Wir sind noch nie in Dunkelheit versunken.“

AfD will eigene Reaktoren – Antrag gescheitert

Die AfD hingegen sprach sich klar für Atomkraft aus. Ihr energiepolitischer Sprecher Jan Zwerg warb für neue Reaktoren in der Oberlausitz und in Lippendorf. Die Abschaltung deutscher AKWs sei ein „energiepolitischer Irrweg“, während Nachbarländer wie Tschechien, Polen und Frankreich auf die Kernenergie setzten.

Ihr Antrag, die Wiederinbetriebnahme der zuletzt abgeschalteten deutschen Meiler zu prüfen, wurde im Parlament abgelehnt.

CDU mahnt zur Zurückhaltung – Partnerschaft betonen

Umweltminister Georg-Ludwig von Breitenbuch (CDU) plädierte für einen diplomatischen Umgang mit Prag: „Wir sollten uns mit Belehrungen zurückhalten.“ Sachsen pflege eine gute Partnerschaft mit Tschechien, auch im Bereich nuklearer Sicherheit. Diese gelte es zu bewahren.

Tusimice: Reaktor ersetzt Braunkohle

Die tschechische Regierung hatte im Mai bekannt gegeben, das bestehende Braunkohlekraftwerk Tusimice bis etwa 2030 abzuschalten. Danach soll dort ein SMR-Reaktor entstehen, der ab 2038 Strom liefern soll. Ziel ist es, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.

Kommentar: Atomkraft im Erzgebirgsblick – gefährliches Signal oder nüchterne Entscheidung?

Die geplanten SMR-Reaktoren im tschechischen Tusimice nur wenige Kilometer von der sächsischen Grenze entfernt sind mehr als eine technische Frage. Sie sind ein politisches und gesellschaftliches Signal, das alte Fronten wieder aufleben lässt – zwischen Sicherheitsbedenken, technologischer Hoffnung und geopolitischem Pragmatismus.

Was viele Kritiker zu Recht monieren: Die Technologie der „Small Modular Reactors“ ist bislang kaum erprobt, langfristige Erfahrungswerte fehlen. Wer also in Grenznähe solche Anlagen baut, muss sich die Frage gefallen lassen, ob der Preis für die eigene Energieunabhängigkeit auf dem Rücken der Nachbarn erkauft wird. Das erzeugt Verunsicherung, besonders in Regionen wie dem Erzgebirge, wo die Nähe greifbar und die Erinnerung an Katastrophen wie Tschernobyl tief verwurzelt ist.

Und doch: Tschechien ist ein souveräner Staat mit einem berechtigten Interesse an Energieversorgungssicherheit. Die deutsche Debatte darf sich nicht in moralischer Überlegenheit verlieren – gerade weil der eigene Ausstieg aus der Kernkraft von vielen Nachbarn kritisch gesehen wird. Ein konstruktiver Dialog ist gefragt, keine ideologische Belehrung.

Besonders enttäuschend bleibt jedoch der Umgang der AfD mit dem Thema. Wer angesichts wachsender Klimarisiken und ungelöster Atommüllfrage in nostalgischem Atompathos schwelgt, liefert keine Lösungen, sondern Schaufensterreden. Dass ihr Antrag zur Reaktivierung deutscher Reaktoren scheiterte, war konsequent.

Am Ende bleibt: Der Bau von Tusimice ist nicht aufzuhalten. Doch Sachsen darf – und muss – Einfluss nehmen. Nicht im Ton der Konfrontation, sondern durch diplomatischen Druck, technische Kooperation und transparente Aufklärung. Sonst wird aus dem Reaktor von morgen ein Konfliktherd von heute.

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