Napoleon in Bautzen – Als Europas Schicksal durch die Oberlausitz marschierte
Zwischen Ruhm und Ruin: Die Schlacht bei Bautzen im Mai 1813
Bautzen, Oberlausitz – Im Frühling des Jahres 1813 verwandelte sich die beschauliche Stadt Bautzen in einen Kriegsschauplatz von europäischem Rang. Napoleon Bonaparte, der französische Kaiser und einst unbestrittene Herrscher über weite Teile Europas, versuchte nach seinem katastrophalen Russlandfeldzug, die Kontrolle über Mitteleuropa zurückzuerlangen. Doch in der Oberlausitz traf er auf erbitterten Widerstand – und den Anfang vom Ende seiner Macht.
Ein Kaiser am Scheideweg
Nach dem desaströsen Rückzug aus Russland hatte Napoleon seine Armee in Rekordzeit neu aufgebaut. Seine Feinde – vor allem Preußen und Russland – witterten jedoch die historische Chance, den französischen Imperialismus endgültig zu brechen. Als sich die Koalitionstruppen in Sachsen sammelten, zog Napoleon mit über 100.000 Soldaten nach Osten, um in Bautzen eine Entscheidung herbeizuführen.
Am 20. und 21. Mai 1813 kam es zur blutigen Schlacht. Bautzen, eingebettet in die Hügel der Oberlausitz, war strategisch günstig gelegen und galt als Schlüssel zur weiteren Kontrolle über das sächsische und schlesische Gebiet. Die Kämpfe tobten auf den Höhen vor der Stadt, im Spreebogen, rund um Kleinwelka, Doberschau und Göda. Zeitzeugen berichteten von tagelangen Kanonendonnern und brennenden Dörfern.
Der Ausgang: Teurer Sieg für Frankreich
Napoleon gelang es, die alliierten Truppen unter dem russischen General Barclay de Tolly und dem preußischen General Blücher zurückzudrängen. Besonders der späte Angriff von Marschall Michel Ney trug dazu bei, dass die Koalition ihre Stellung aufgeben musste. Doch der erhoffte Durchbruch blieb aus: Die feindlichen Kräfte konnten sich geordnet zurückziehen, Napoleon gelang es nicht, sie zu zerschlagen. Es war ein taktischer Sieg – aber ein strategischer Misserfolg.
In der Stadt selbst herrschte Chaos: Verwundete wurden in Kirchen und Gasthöfen versorgt, Brunnen vergiftet, Vorräte geplündert. Viele Bewohner flohen, andere versuchten zu helfen. Die historische Altstadt, das heutige Bautzen mit seinen Türmen und Gassen, war direkt vom Kriegsgeschehen betroffen.
Folgen für die Stadt und die Geschichte
Der blutige Ausgang der Schlacht hatte mehrere Konsequenzen. Für Napoleon bedeutete es einen weiteren Schritt Richtung Niederlage. Wenige Monate später erlitt er bei Leipzig – in der „Völkerschlacht“ – eine verheerende Niederlage. Für Bautzen hingegen blieb die Schlacht ein einschneidendes Erlebnis. Noch heute erinnern Massengräber, Gedenksteine und Erzählungen an diese Tage, in denen die Weltpolitik durch die Oberlausitz marschierte.
Im heutigen Stadtbild ist die napoleonische Epoche kaum noch sichtbar, doch Historiker und Heimatforscher halten die Erinnerung wach. Gedenkveranstaltungen, Sonderausstellungen und historische Wanderwege machen die Geschichte wieder erlebbar.
Leipzig als Schicksalsort
Auch Leipzig spielt in dieser Erzählung eine wichtige Rolle: Nur wenige Monate nach Bautzen trafen sich die europäischen Mächte dort zum entscheidenden Gefecht. Napoleon verlor dort nicht nur die Kontrolle über Deutschland, sondern erstmals auch dauerhaft seine Vormachtstellung auf dem Kontinent. Ohne die verlustreiche Verzögerung bei Bautzen wäre Leipzig womöglich anders ausgegangen. So fügt sich Bautzen in das große historische Mosaik ein – als ein Ort, an dem Europa für kurze Zeit innehielt, bevor es sich endgültig gegen den korsischen Feldherrn wandte.
Noch heute finden sich sichtbare Zeugnisse dieser Zeit:
– Die Franzosenschanze bei Doberschau, ein erhaltenes Verteidigungswerk mit Gedenkstein, zeugt von der ausgeklügelten Militärstrategie der Franzosen.
– In Kleinwelka erinnert ein Obelisk an die unzähligen Gefallenen, die hier ihre letzte Ruhe fanden.
– Der Nicolaifriedhof in Bautzen beherbergt noch heute einfache Soldatengräber, teilweise gekennzeichnet, teils anonym – stille Mahnmale einer grausamen Epoche.
– Auch das Museum Bautzen auf der Ortenburg widmet sich regelmäßig mit Sonderausstellungen dem Thema und zeigt originale Uniformen, Waffen und Zeitzeugnisse.
Besonders eindrücklich: Viele Kirchen der Stadt dienten 1813 als Lazarette. In ihnen wurden Verwundete versorgt, operiert – oder beigesetzt. Wer mit offenen Augen durch die Altstadt geht, findet kleine Tafeln und Hinweise auf diese Geschichte: Bautzen erzählt – man muss nur zuhören.
In einer Zeit, in der Europa wieder von Spannungen geprägt ist, mahnt der Blick zurück auf das Jahr 1813: Kriege haben Gesichter, Namen und Orte. Und sie hinterlassen Spuren, die weit über den Tag hinausreichen. Bautzen ist ein Ort dieser Erinnerung.