Getrennt – und doch vereint: Wie Görlitz und Zgorzelec zusammenwachsen
Görlitz/Zgorzelec, Juni 2025
Inmitten der Oberlausitz, dort wo die Lausitzer Neiße ruhig durch das Stadtzentrum fließt, beginnt eine besondere europäische Geschichte. Auf der einen Seite die Altstadt von Görlitz, mit ihren restaurierten Renaissancefassaden und Kirchen. Auf der anderen Seite das polnische Zgorzelec, jünger im Erscheinungsbild, aber nicht minder geschichtsträchtig. Zwei Städte, zwei Länder – und doch ein gemeinsamer urbaner Organismus, der sich über Jahrzehnte hinweg seinen Weg zurück zueinander bahnte.
Eine gemeinsame Wurzel – bis 1945 unzertrennlich
Was viele Besucher heute überrascht: Bis 1945 war Görlitz eine einzige Stadt, ein florierendes Mittelzentrum im deutschen Osten, kulturell reich und wirtschaftlich bedeutend. Die Stadt wuchs auf beiden Seiten der Neiße, besonders stark im 19. Jahrhundert. Der heutige Stadtteil Zgorzelec war einst das östliche Görlitz, mit eigenen Wohnvierteln, Fabriken, Kirchen und Bahnhöfen.
Doch mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam der Bruch: Die Oder-Neiße-Grenze wurde zur neuen Staatsgrenze, das östliche Görlitz fiel an Polen und erhielt den neuen Namen „Zgorzelec“.
Die Verbindung, einst selbstverständlich, wurde durch eine politische Entscheidung zerschnitten. Jahrzehntelang lag der Fluss wie eine träge Barriere zwischen zwei Systemen – DDR auf der einen, Volksrepublik Polen auf der anderen.
Neuanfang nach der Wende – von der Trennung zur Partnerschaft
Mit dem politischen Umbruch 1989/90 öffnete sich ein neues Kapitel. Die Grenze fiel, Menschen konnten sich wieder begegnen. Doch Vertrauen brauchte Zeit. Was über Jahrzehnte fremd wurde, musste langsam wieder zusammenfinden. Die Städte begannen, auf kommunaler Ebene Brücken zu bauen – symbolisch und ganz real.
1998 gründeten Görlitz und Zgorzelec gemeinsam die „Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH“ – ein Zeichen für ein neues, selbstbewusstes Miteinander. Seitdem wird auf kultureller, schulischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene grenzüberschreitend zusammengearbeitet.
Ein Europa des Alltags: Das gelebte Miteinander
Heute gehört es zum Alltag, dass deutsche Familien in Zgorzelec einkaufen und polnische Kinder in Görlitzer Kitas betreut werden. Es gibt gemeinsame Stadtfeste, binationales Schulprojekt, eine zweisprachige Bürgerberatung – sogar Doppelhochzeiten und grenzübergreifende Feuerwehrübungen.
Zahlreiche EU-Projekte haben dabei geholfen, die Infrastruktur zu verbinden:
- Die Stadtbrücke wurde erneuert.
- Ein gemeinsamer Rad- und Wanderweg entlang der Neiße wurde angelegt.
- Schulen kooperieren über Sprachgrenzen hinweg.
- Theater und Bibliotheken führen gemeinsame Veranstaltungen durch.
Für viele junge Menschen in der Region ist die Grenze heute nur noch symbolisch – ihre Realität ist eine Stadt mit zwei Gesichtern, aber einem Herz.
Spannungen bleiben – und werden überwunden
Natürlich ist das Zusammenleben nicht immer reibungslos. Unterschiedliche Löhne, bürokratische Hürden, Sprachbarrieren oder kulturelle Missverständnisse sorgen regelmäßig für Gesprächsstoff. Doch anders als in vielen anderen Grenzregionen wird hier nicht abgeschottet, sondern aktiv gestaltet.
Die Europastadt ist ein lebendiges Experiment – mit Erfolgen, aber auch Herausforderungen. Sie beweist: Europa wächst nicht von oben, sondern im Alltag, von unten, durch Nachbarn, Freunde, Kollegen.
Ein Symbol für Versöhnung und europäische Idee
Gerade in Zeiten, in denen wieder Grenzen gezogen, Nationalismen gestärkt und das europäische Projekt infrage gestellt wird, ist Görlitz/Zgorzelec ein Gegenmodell. Eine Stadt, die zeigt:
- Trennung ist nicht endgültig,
- Vertrauen braucht Arbeit,
- und Zusammenwachsen ist möglich, wenn beide Seiten es wollen.
Fazit:
Görlitz und Zgorzelec sind keine Zwillinge – sondern Geschwister, die sich wiedergefunden haben.
Aus einer historischen Einheit wurde durch Krieg und Teilung eine Trennung – doch aus dieser Teilung ist ein neuer, europäischer Stadtverbund entstanden. Mit Respekt, Dialog, gemeinsamen Projekten und einem wachsenden Bewusstsein für das Verbindende.
Die Europastadt an der Neiße ist kein Modell von gestern – sondern eine Vision für morgen.


