Warnsdorf und die Familie Liechtenstein – Geschichte einer Grenzstadt und ihres adligen Erbes
Großschönau/Warnsdorf, 22. Juni 2025 – Wer von Großschönau Richtung Süden über die Grenze fährt, erreicht die Stadt Warnsdorf, heute bekannt als Varnsdorf. Kaum eine Stadt spiegelt die wechselhafte Geschichte Mitteleuropas so eindrücklich wider: einst bedeutendes Textilzentrum der Habsburgermonarchie, dann Industrieperle im Sudetenland, schließlich Bruchstelle politischer und ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert. Ein zentrales Kapitel dieser Geschichte: die fast 240-jährige Herrschaft der Fürsten von Liechtenstein, die die Entwicklung der Stadt prägten wie kaum jemand sonst.
Zwischen Böhmen, Sachsen und Wien: Die geografische Lage als Schicksal
Warnsdorf liegt am Nordrand der Tschechischen Republik, eingebettet zwischen dem Zittauer Gebirge, den Ausläufern der Lausitzer Berge und dem Mandautal. Seine Lage an der historischen Grenze zwischen Böhmen und Sachsen machte die Stadt über Jahrhunderte zu einem Knotenpunkt für Handel, Kultur und Ideen – aber auch zum Austragungsort europäischer Konflikte.
Die Stadt wurde 1357 erstmals urkundlich erwähnt, blieb aber lange unbedeutend. Erst im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert wandelte sich Warnsdorf zu einem industriellen Kraftzentrum – angetrieben durch die Textilindustrie, begünstigt durch die Wasserkraft der Mandau und die Nähe zu sächsischen Märkten.
Die Fürsten von Liechtenstein – Landesherren mit europäischem Anspruch
Im Jahr 1681 übernahm die bedeutende Adelsfamilie Liechtenstein die Herrschaft über Warnsdorf und die umliegenden Ländereien. Die Familie war bereits seit dem 12. Jahrhundert im österreichischen Raum verwurzelt und zählte zum Hochadel der Habsburger-Monarchie. Mit der Übernahme von Ländereien in Nordböhmen wurde das Haus auch in der Region um Warnsdorf zu einem maßgeblichen Akteur.
Während der langen Herrschaft der Liechtensteiner entwickelte sich Warnsdorf nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Die Fürstenfamilie förderte kirchliche Bauprojekte, ließ Schulen errichten, stiftete soziale Einrichtungen wie Armenhäuser und Krankenstationen – und ermöglichte zahlreichen Unternehmerfamilien, sich im Bereich der Textilproduktion niederzulassen.
Textilstadt Warnsdorf – Das „Manchester des Nordens“
Im 19. Jahrhundert wurde Warnsdorf zu einem der wichtigsten Industriestandorte der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Stadt war berühmt für ihre Samt- und Baumwollwebereien, für Stickerei, Spinnereien und Maschinenbau. Fabriken säumten die Mandau, Dampfmaschinen rauchten, Arbeiterkolonien entstanden.
Um 1900 war Warnsdorf mit etwa 30.000 Einwohnern die größte Gemeinde in Österreich ohne Stadtrecht – ein Status, der 1868 endlich offiziell verliehen wurde. Im gleichen Jahr wurde auch das neue Rathaus eingeweiht, Symbol eines selbstbewussten Bürgertums, das eng mit den adeligen Strukturen der Liechtensteiner koexistierte.
Geistliches Zentrum mit kirchlicher Vielfalt
Neben dem wirtschaftlichen Aufschwung erlebte Warnsdorf auch eine kulturelle Blüte. Zahlreiche Kirchenbauten zeugen von der religiösen Vielfalt und Bedeutung der Stadt:
- Die barocke St.-Peter-und-Paul-Kirche (1777), mit großzügiger Fürstenstiftung errichtet.
- Die neugotische Karlskirche, ein monumentales Gotteshaus ohne Turm, entstanden 1901–1911.
- Die evangelische Friedenskirche (1905), ein Zeichen für das wachsende Selbstbewusstsein der deutsch-protestantischen Gemeinde.
- Die altkatholische Konkathedrale der Verklärung Christi, 1874 geweiht, war bis 1995 Bischofssitz.
Diese Bauten wurden nicht nur durch den Glauben, sondern auch durch das Mäzenatentum der Liechtensteiner Fürsten ermöglicht – ein Erbe, das bis heute das Stadtbild prägt.
Jahrhundert: Krieg, Vertreibung, Verlust
Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zum Bruch: Die Tschechoslowakei enteignete im Rahmen der Bodenreform 1919 den Adel, auch die Liechtensteiner verloren ihren Besitz. Die Beziehung zwischen Stadt und Fürstenhaus riss abrupt ab.
Mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung durch das nationalsozialistische Deutschland wurde Warnsdorf zum Teil des sogenannten „Reichsgau Sudetenland“. Nach 1945 folgte ein weiterer Bruch: Die deutschsprachige Mehrheit der Stadtbevölkerung wurde gemäß den Beneš-Dekreten enteignet und vertrieben. Damit verlor Warnsdorf nicht nur einen Großteil seiner Bevölkerung, sondern auch das historische Gedächtnis an seine mehrsprachige, mitteleuropäische Identität.
Nachkriegszeit und Gegenwart: Spurensuche im Schatten der Geschichte
In der sozialistischen Tschechoslowakei war Warnsdorf lange Zeit eine Industriehochburg, doch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks kam der wirtschaftliche Absturz: Fabriken schlossen, Arbeitslosigkeit stieg. Heute lebt die Stadt vom Maschinenbau, kleineren Betrieben, Pendlern und grenzüberschreitendem Handel.
Gleichzeitig gibt es neue Ansätze, die Vergangenheit aufzuarbeiten und zu würdigen. Gedenktafeln erinnern an die Liechtensteiner Zeit, alte Kirchen werden restauriert, Partnerschaften mit Städten in Sachsen – darunter Zittau – werden ausgebaut. Das Interesse an der gemeinsamen Geschichte wächst, auch unter jungen Menschen.
Fazit: Warnsdorf – Spiegel europäischer Geschichte mit bröckelnder Fassade
Warnsdorf ist weit mehr als eine tschechische Grenzstadt – sie ist ein Ort, an dem sich europäische Geschichte auf engstem Raum verdichtet: adelige Herrschaft, religiöse Vielfalt, industrielle Blüte, die tiefen Wunden von Krieg, Vertreibung und politischem Umbruch. Über Jahrhunderte war Warnsdorf ein lebendiges Beispiel für grenzüberschreitendes Miteinander – kulturell, sprachlich, wirtschaftlich. Die Fürsten von Liechtenstein prägten diese Entwicklung nicht aus der Ferne, sondern als gestaltende Kraft vor Ort – mit Weitblick und Verantwortung.
Umso trauriger ist der heutige Zustand der Stadt. Viele prachtvolle Bauten, einstige Fabriken und Wohnhäuser stehen leer, sind verfallen oder dem Verfall preisgegeben. Der wirtschaftliche Niedergang nach 1989 hat Spuren hinterlassen – sichtbar, spürbar, bisweilen schmerzhaft. Was einst glänzte, wirkt heute oft grau und vergessen.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Unter der bröckelnden Oberfläche lebt die Geschichte weiter. In Fassaden, Kirchen, Brücken und Straßenzügen erzählt Warnsdorf noch immer von seiner Bedeutung – als Ort zwischen Kulturen, Zeiten und politischen Systemen. Wer heute über die Grenze reist, kann erleben, dass europäische Geschichte nicht nur in Museen existiert, sondern vor Ort, unter freiem Himmel – auch wenn sie manchmal langsam zerbröckelt.
Denn am Ende zeigt Warnsdorf eines deutlich: Was Europa verbindet, bleibt bestehen – wenn man es bewahrt.