Vom Rückgrat der Republik zur Partei der Unentschlossenen – Wie die SPD ihre Rolle als Volkspartei verliert
Berlin, Juni 2025
Die SPD – einst Motor des sozialen Fortschritts, Bollwerk der Arbeiterklasse und verlässliche Stimme der Mitte – steht heute vor dem wohl größten Identitätsverlust ihrer Geschichte. Während die Bundesrepublik vor großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen steht, ringt die älteste Partei Deutschlands um Orientierung, Glaubwürdigkeit und Daseinsberechtigung. Die selbst ernannte Volkspartei wirkt zunehmend entkoppelt vom Volk.
Zahlen, die für sich sprechen – und eine Basis, die sich abwendet
Seit Monaten liegt die SPD in bundesweiten Umfragen bei 14 bis 15 Prozent – ein Wert, der für eine Regierungspartei katastrophal ist. In ländlichen Regionen wie der Oberlausitz ist sie teils komplett unsichtbar geworden, ihre einst mächtigen Ortsverbände sind geschrumpft oder aufgelöst. Selbst urbane Wähler, die noch 2021 den vermeintlichen Aufbruch unter Olaf Scholz mittrugen, zeigen sich zunehmend desillusioniert.
Was ist passiert? Wie konnte eine Partei, die einst Helmut Schmidt, Willy Brandt und Gerhard Schröder hervorbrachte, so sehr an Relevanz verlieren?
Von der Kümmererpartei zur Debattengemeinschaft
Die SPD verstand sich lange als „Kümmererpartei“. Sie war nahe dran am Alltag der Menschen – im Betrieb, im Stadtrat, im Mietrecht. Heute diskutiert sie über „Transformationsprozesse“, „gerechte Digitalisierung“ und „postfossile Gesellschaftsmodelle“, während ein Großteil der Bevölkerung mit steigenden Mieten, schlechten Pflegebedingungen, Kita-Mangel und Kaufkraftverlust zu kämpfen hat.
Die Realität der Menschen und der Diskurs der Partei driften auseinander. Die SPD wirkt nicht mehr wie eine gestaltende Kraft, sondern wie ein Beobachter in der eigenen Regierung.
Realitätsferne Programme – gut gemeint, aber schlecht gemacht
Beispiel Klimapolitik: Viele SPD-Positionen sind von den Grünen kaum mehr zu unterscheiden – etwa bei CO₂-Bepreisung oder Verkehrswende. Doch die Partei vergisst dabei jene, die sich kein neues E-Auto leisten können oder auf dem Land ohne Nahverkehr leben. Statt sozialverträgliche Lösungen zu formulieren, wirkt vieles wie elitäre Symbolpolitik ohne Rücksicht auf Lebensrealitäten.
Auch in der Migrationspolitik zeigt sich die Zerrissenheit: Mal wird Abschottung gefordert, mal grenzenlose Solidarität – am Ende bleibt der Eindruck eines ständig taktierenden, aber nie überzeugenden Akteurs.
Klingbeils Kraft – aber ohne klare Richtung
SPD-Chef Lars Klingbeil steht heute mächtiger da als viele Vorgänger. Doch diese Macht nutzt er bisher nicht zur Erneuerung, sondern zur Verwaltung des Status quo. Der Juso-Bundesvorsitzende Philipp Türmer hat es im Interview mit ntv.de klar formuliert: „Die SPD sucht seit Jahren nach einer Vision.“ Ein Satz, der wie ein Offenbarungseid wirkt.
Klingbeil versprach „schonungslose Analyse“ und einen „Zukunftsentwurf“ – geliefert wurde bislang ein internes Papier und viel Schweigen. Die Erwartungen an den bevorstehenden Parteitag sind hoch – doch inhaltlich ist bislang nichts Substanzielles angekündigt.
Die SPD und das Volk – ein gestörtes Verhältnis
Vielleicht liegt das Grundproblem tiefer: Die SPD scheint den Kontakt zur arbeitenden Mitte verloren zu haben. Ihre neue Stammwählerschaft sind Teile des öffentlichen Dienstes, städtische Akademiker, Gewerkschaftsfunktionäre – nicht mehr die Facharbeiter, Verkäuferinnen oder Pflegekräfte, für die sie einmal gegründet wurde.
Die Sprache der SPD ist technokratisch, ideologisch überformt und oft weltfremd. Die Sprache des Volkes ist einfach: „Was tut ihr für uns?“ Und darauf hat die SPD derzeit zu selten eine verständliche, glaubwürdige Antwort.
Fazit: Rückbesinnung oder Rückzug
Wenn die SPD nicht bald erkennt, dass eine Volkspartei nicht durch PR, sondern durch echte Nähe und pragmatische Lösungen existiert, wird sie weiter an Bedeutung verlieren. Die AfD, CDU oder kleine Protestparteien füllen das Vakuum längst.
Die Sozialdemokratie muss sich entscheiden: Will sie wieder gestalten – oder kommentieren? Will sie den Alltag der Menschen verändern – oder überfordern? Will sie Volkspartei bleiben – oder am Ende nur eine historische Fußnote sein?
Die nächsten Monate werden entscheidend. Für die SPD. Und für die politische Stabilität in Deutschland.