Wenn westlicher Aktivismus an arabischer Realität zerschellt
Kairo/Zittau – Mit bunten Schildern, lautem Protest und dem festen Glauben an eine gerechte Sache reisten Hunderte Aktivisten aus Europa und Nordamerika Mitte Juni nach Kairo. Sie wollten am „Global March to Gaza“ teilnehmen – einer internationalen Solidaritätsaktion für die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen. Doch die Realität vor Ort war eine andere.
Statt Applaus und Mitstreitern erwartete viele von ihnen Polizeigewalt, Abschiebung und staatliche Überwachung. Laut Berichten von Reuters, AP und dem Middle East Monitor wurden mehr als 200 Aktivisten bereits am Flughafen abgewiesen. Weitere Demonstrierende wurden in Hotels unter Beobachtung gestellt, auf der Straße gestoppt oder am Weiterkommen in Richtung Sinai gehindert. Rund 400 Personen wurden letztlich abgeschoben oder zur Ausreise gezwungen.
Ein besonders gravierender Vorfall: Drei Aktivisten, darunter ein spanischer Staatsbürger palästinensischer Herkunft, berichten, sie seien verschleppt, gefesselt und misshandelt worden, bevor sie außer Landes gebracht wurden. Auch der irische Parlamentsabgeordnete Paul Murphy wurde vorübergehend festgesetzt. Nur durch diplomatisches Eingreifen durfte er später weiterreisen.
Die ägyptische Regierung verweist auf Sicherheitsgründe. Der Norden der Sinai-Halbinsel, durch den der Zugang zum Rafah-Grenzübergang nach Gaza führt, ist seit Jahren eine Krisenregion. Islamistische Gruppen operieren dort, Anschläge sind keine Seltenheit. Gleichzeitig duldet Präsident Abdel Fattah al-Sisi keine unangekündigten politischen Versammlungen – erst recht nicht durch ausländische Gruppen.
Für viele Aktivistinnen und Aktivisten war es eine schmerzhafte Konfrontation mit der geopolitischen Wirklichkeit. Die einfache Gleichung „Israel = Unterdrücker, arabische Welt = solidarisch“ funktionierte in Ägypten nicht. Stattdessen erfuhren sie, dass auch Regierungen wie die in Kairo eigene strategische Interessen verfolgen – und dafür auch hart gegen Sympathisanten der palästinensischen Sache vorgehen, wenn es ihrer Sicherheitspolitik widerspricht.
Fazit:
Wer in den Nahen Osten reist, um politische Botschaften zu setzen, muss mehr als moralische Überzeugung mitbringen – nämlich ein realistisches Verständnis der lokalen Machtverhältnisse. Der „Reality-Check von Kairo“ könnte zu einem Wendepunkt im westlichen Aktivismus werden: weg von simplen Parolen, hin zu fundierter Auseinandersetzung mit der Komplexität des Nahostkonflikts.


